Amateurorchester als städtische Institutionen

Amateurorchester als städtische Institutionen

26.05.2021

Selbst die heute führenden Sinfonieorchester im deutschsprachigen Raum wurden im 19. Jahrhundert einst als Laien-Musikvereine gegründet. Während diese Sinfonie-orchester in den grossen Städten längst vollständig professionalisiert sind, wird das öffentliche Musikleben in mancher Kleinstadt immer noch erfolgreich von Amateuren getragen.

Miriam Schild — Die Amateurorchester des EOV sind als Vereine organisiert: Menschen, die ein Orchesterinstrument spielen, haben sich zu einer Rechtspersönlichkeit zusammengeschlossen mit dem Zweck, in ihrer Freizeit gemeinsam zu musizieren und Konzerte zu veranstalten. Die Vereinsmitglieder sind also (zumindest überwiegend) identisch mit den Orchestermitgliedern, die Musikerinnen und Musiker wählen aus ihren Reihen einen Vereinsvorstand, der die Führung und Organisation des Orchesters übernimmt. Soweit ist uns das alles bekannt.

Weniger bewusst ist wohl vielen, dass auch fast alle der heute renommierten, professionellen Sinfonie-orchester in den grossen Städten des deutschsprachigen Raums einst auf Initiative von Bürgern als private Vereine und als Amateurorchester (damals Dilettantenorchester genannt, beides bedeutet Liebhaberorchester) gegründet wurden. Die meisten dieser Musikvereinsgründungen fanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem sogenannten «bürgerlichen Zeitalter», statt. Das aufstrebende Bürgertum zeigte so seinen gesellschaftlichen und kulturellen Gestaltungswillen.

«Musizieren […] als ausgesprochene Liebhaberei»

Das Tonhalle-Orchester Zürich zum Beispiel ging aus der 1812 gegründeten Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich (AMG) hervor. Im Neujahrsblatt auf das Jahr 2012 der AMG skizziert der emeritierte Musikwissenschaftsprofessor Hans-Joachim Hinrichsen die Charakteristika der AMG und ähnlicher Musikvereine in ihrer Blütezeit nach der Gründung: «Entscheidend für alle Vereine war die ‚aktive‘ Mitgliedschaft, das heisst, der Wille und vor allem die Befähigung zur wirklichen regelmässigen Musikausübung. Die kulturhistorische Basis der frühen Musikvereine ist also das für den deutschsprachigen Raum überaus charakteristische Phänomen des musikalischen Dilettantentums: eine Musikpraxis des gebildeten Bürgertums (oder gegebenenfalls auch Adels) auf hohem Niveau, aber gerade nicht auf der Basis der für das spätere Musikleben konstitutiven Professionalität. Musizieren, und zwar mit hoher Ambition, als ausgesprochene Liebhaberei im besten Sinne – das war der definierte Zweck praktisch all dieser Neugründungen […].»

Von den Mitgliedern wurde also – abgesehen vom namhaften finanziellen Beitrag – erwartet, dass sie im Orchester, welches die Musikvereine im Wesentlichen betrieben, unentgeltlich und engagiert mitwirkten. Professionelle und besoldete Musiker wurden nur punktuell zur Verstärkung beigezogen. Die so veranstalteten Abonnements- und Gesellschaftskonzerte bezeichnet Claudia Heine in ihrer Dissertation über «bürgerliche Musikvereine in deutschsprachigen Städten des frühen 19. Jahrhunderts» als «sehr wichtige und stetigste Pfeiler des urbanen Konzertlebens».

Die Musikvereine waren aber auch über das Auftreten der eigenen Mitglieder hinaus zentrale Träger des öffentlichen Musiklebens in den Städten, indem sie etwa Konzertsäle bauen liessen (welcher im Fall von Wien bekannterweise sogar den Namen «Musikverein» trägt) und kontrollierten, wer dort auftreten durfte.

Zwang zur Professionalisierung

Dass das öffentliche Musikleben im Amateurmusizieren und in der «bürgerlichen Selbstorganisation» fusst, sei entscheidend «für seine tiefe gesellschaftliche Verwurzelung [und] für seine nachhaltige und breite Verankerung in den Gesellschaften des 19. Jahrhunderts», konstatiert Hinrichsen. «Allerdings begann das Vereinsideal der Gründungsphase, das praktische gemeinsame Musizieren […], schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts zu erodieren», führt er weiter aus. Die Orchester seien mehr und mehr zur Professionalisierung gezwungen worden durch den Konkurrenzdruck kommerzieller Konzertunternehmungen und weil die Laienmusiker wegen vermehrter Erwerbsarbeit nicht mehr ausreichend hätten üben können. So habe sich im gesamten deutschen Sprachraum dieselbe Entwicklung vollzogen: Aus den aktiv musizierenden Vereinsmitgliedern seien erst passive Hörer und schliesslich zahlende Abonnenten geworden. Parallel dazu hätten die Musikvereine einen Funktionswandel durchlaufen und sich aus der aktiven Konzertorganisation zurückgezogen. Auch Heine stellt in ihrer Studie fest, dass aus den privaten Musikvereinsorchestern noch im 19. Jahrhundert städtische Orchester mit «Bediensteten» mit regelmässigem Einkommen geworden seien.

Die vollständige Professionalisierung der führenden Musikinstitutionen und die damit verbundene Verbannung der Amateure auf die Zuschauerränge mag für alle grossen Städte gelten. In manchen Kleinstädten, die sich kein professionelles Orchester leisten können oder wollen, wird das Modell des «bürgerlichen Zeitalters» mit den aktiven Vereinen und Amateurmusizierenden jedoch noch heute erfolgreich praktiziert, wie im Folgenden am Beispiel zweier EOV-Orchester gezeigt werden soll: In Thun und in Wil geben mit dem Thuner Stadtorchester (TSO) und dem Sinfonischen Orchester Wil nach wie vor als Verein organisierte und von Amateuren getragene Ensembles den Ton an und prägen das öffentliche Musikleben.

Thun: Die grösste Schweizer Stadt ohne Berufsorchester

Mit rund 44 000 Einwohnern befindet sich Thun auf Platz elf der bevölkerungsreichsten Schweizer Städte. Das Thuner Stadtorchester – ein Amateurorchester, welches auf den Stimmführer- und Solistenpositionen von Berufsmusikerinnen unterstützt wird – veranstaltet hier fünf Abonnementskonzerte pro Jahr: meistens vier Sinfoniekonzerte und ein Kammerkonzert. Das Orchester verfügt über einen grossen Mitspielerpool, die Musikerinnen und Musiker geben vor Saisonbeginn bekannt, bei welchen Projekten sie mitspielen wollen.

«Wir sind die grösste Stadt der Schweiz ohne Profiorchester», erklärt TSO-Präsident Christoph Müller. Dies könne man aus kulturpolitischer Sicht bedauern, er sehe es jedoch als Chance für sein Orchester. «Das Thuner Stadtorchester hat eine öffentliche Funktion wie sonst kaum ein Amateurorchester. Unsere Konzerte haben einen hohen Stellenwert in der städtischen Kulturszene.» Dass dies auch die Vertreter der Stadt so sehen, zeige sich am bedeutenden Subventionsbeitrag, den man jedes Jahr erhalte. Damit könne das Orchester etwa die Hälfte seiner Ausgaben decken und Thun in diesem Bereich eine musikalische Grundversorgung bieten. Das sei ein guter Deal für die Stadt, könnte man mit den Subventionen doch gerade mal einen Musiker eines festen Berufsorchesters bezahlen.

Das Orchester in der Heimatstadt wird geschätzt

Auch das 1715 als Cäcilien-Musikgesellschaft gegründete Sinfonische Orchester Wil ist in seiner Heimatstadt eine Institution – und sichtlich stolz darauf: «Hier tragen wir massgeblich zum kulturellen Leben bei», schreibt das Orchester auf seiner Website, woran angesichts der vielen Sparten, in denen die Wiler aktiv sind, und der hohen Anzahl an Projekten keine Zweifel bestehen.

Das Amateurorchester realisiert nicht nur mehrere eigene sinfonische Konzerte pro Jahr mit Musik aus allen Epochen, sondern wirkt auch alle drei Jahre mehrere Wochen lang als Theaterorchester beim Oper- oder Musicalprojekt von Musiktheaterwil in der Tonhalle Wil mit. Ja, der 24 000-Seelen-Ort hatte bereits seit 1878 und noch vor Zürich (die Tonhalle dort wurde 1895 eingeweiht) einen eigenen bürgerlichen Konzertsaal. Auch beim ebenfalls im Drei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Classic Openair mit Opernmelodien in der Wiler Altstadt ist das städtische Orchester mit von der Partie. Und nicht zuletzt tritt das Sinfonische Orchester Wil regelmässig mit Chor und Solisten in Gottesdiensten in der Stadtkirche St. Nikolaus auf.

Obwohl das Publikum anspruchsvoller geworden sei in den letzten Jahrzehnten, wie der ehemalige Präsident des Sinfonischen Orchesters Wil Eugen Weibel in der Festschrift zum 300-jährigen Bestehen des Ostschweizer Orchesters im Jahr 2015 feststellt, und die Menschen dank mehr Mobilität stets die Möglichkeit haben, in die nächst grössere Stadt zu fahren, schätzen es die Leute immer noch, in ihrer eigenen Stadt, in ihrem eigenen Ort ein Orchester zu haben mit Musikerinnen und Musikern, die sie vielleicht sogar persönlich kennen. Was Hans-Joachim Hinrichsen für das 19. Jahrhundert erkannt hat, gilt auch heute noch: Das vereinsbasierte Amateurmusizieren verwurzelt das Musikleben tief in der Gesellschaft.

Literatur

Heine, Claudia: Aus reiner und wahrer Liebe zur Kunst ohne äussere Mittel. Bürgerliche Musikvereine in deutschsprachigen Städten des frühen 19. Jahrhunderts. Diss. Universität Zürich 2009.

Hinrichsen, Hans-Joachim: Die Allgemeine Musik-Gesellschaft Zürich. Gründungsphase und Blütezeit im historischen Kontext. Winterthur 2011 (Hundertsechsundneunzigstes Neujahrsblatt der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich. Auf das Jahr 2012).

Müller, Christoph: Eines von 200 Amateurorchestern, aber kein gewöhnliches, in: Thun. Ein Lesebuch. Oberhofen 2014, S. 248–251.

300 Jahre Orchesterverein Wil. Wil 2015.

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