Von der Freiheit anders zu sein

Von der Freiheit anders zu sein

24.11.2021

Seit zehn Jahren dirigiert Hugo Bollschweiler das Stadtorchester Schlieren. Er plädiert dafür, dass Amateurorchester ihre Unabhängigkeit nutzen und ihre Programme noch kreativer, anders und mutiger gestalten.

Hugo Bollschweiler — Früher waren es Bach, Vivaldi und der Barock im Allgemeinen, viel Haydn, der leichtere Mozart, der gemütliche Schubert, romantische Schmankerl und ab und zu mal ein gewagter Ausflug in die gemässigte Moderne. Die Repertoiregrenzen der Amateurorchester schienen scharf umrissen, technische und ästhetische Vorgaben bestimmten die Inhalte, und die Angst vor unvorteilhaften Publikumsreaktionen begünstigte Allerweltsprogramme.

Und natürlich musste man ohne Subventionen überleben, war abhängig von den Mitspielenden und ihren Beiträgen, von Sponsoren und zahlenden Zuhörern. So ist es auch heute noch – und trotzdem scheint vieles im Umbruch. Die Amateurorchester haben an der Freiheit geschnuppert: Es ist die Freiheit, anders zu sein als die subventionierten Orchester, die nur zu oft innerhalb enger Grenzen zu funktionieren und ein Abonnementspublikum zu befriedigen haben.

Viele Amateurensembles haben sich mutig Nischen geschaffen, wo sie unabhängig von äusseren Ansprüchen frei und unorthodox kreativ werden können – sofern sie denn wollen. Junge Solisten, neue Werke, Uraufführungen, Raritäten, Schweizer Musik, Crossover, Vergessenes und neue Formate: Neben dem unbeweglichen Repertoiremainstream der grossen Player entsteht so der dringend nötige Humus für eine farbige Kulturlandschaft.

Dem Publikum etwas zutrauen

Vor zehn Jahren hat die gemeinsame Fahrt des Stadtorchesters Schlieren und mir als Dirigenten begonnen. Von Beginn weg war klar: Wir wollten spannende Programme machen, uns und dem Publikum etwas zutrauen, auf der Suche bleiben. Nun feiern wir die Zeit zusammen mit zwei Konzerten und einem Programm, das unsere Herzensangelegenheiten beleuchtet: Das Entdecken von vergessenen Werken, die Neugier auf zeitgenössische Musik und die Freude an der aufregenden Grauzone zwischen Unterhaltungsmusik und Klassik.

Mitten ins Herz trifft die Musik von Leroy Anderson (1908–1975) – ganz im Sinne von Kurt Weill: «Den Unterschied zwischen ernsthafter und leichter Musik habe ich nie gemacht. Es gibt nur gute und schlechte Musik.» Andersons einziges grossformatiges Orchesterwerk tänzelt locker auf dem launischen Grat zwischen Gershwin, Hoe Down und Rachmaninow, lässt dem Soloklavier absolute Narrenfreiheit und kleidet die gute Laune in immer neue Klanggewänder.

Auftragskomposition von Daniel Hess

Franz Krommers (1759–1831) Ruhm verglühte schnell und nachhaltig: Zwischen Mozart, Beethoven und Schubert war wenig Platz für andere Namen. Seine 2. Sinfonie verliert keine Zeit: Mitten ins Herz fährt die dramatische Einleitung, die schnellen Ecksätze sind kantig und pulsierend, das liedhafte Adagio überschwänglich und das Menuett eine kleine Liebesgeschichte für sich.

Daniel Hess (*1965) hat Ex Tempore – Exkursionen für Instrumente speziell für das Stadtorchester Schlieren geschrieben. Das Werk trifft mitten ins Herz dessen, was die Schönheit des Musizierens im Orchester ausmacht: Individuelle Freiheit paart sich mit kollektivem Ausdruck – oder wie es Daniel Hess selber ausdrückt: «Jeder ist ein Solist und ist wichtig, es gibt keine falschen Einsätze.» Die Gesamtheit der indi-viduellen Stimmen erschafft den Orchesterklang: Gibt es eine schöner klingende Parabel für das, was uns alle im Orchester beflügelt und glücklich macht?

> www.stadtorchester-schlieren.ch

Die Konzerte des Stadtorchesters Schlieren finden am Freitag, 3. Dezember um 20 Uhr und am Sonntag, 5. Dezember um 17 Uhr im Salmen an der Uitikonerstrasse 17 in 8952 Schlieren statt.

Tickets sind für 40 Franken (ermässigt: 20 Franken, Kinder unter 12 Jahren gratis) auf eventfrog.ch oder in der Stadtbiblio-thek Schlieren (044 734 04 35, 10–12 Uhr) erhältlich.

 

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