Auf welcher Bühne spielen die Frauen?

Auf welcher Bühne spielen die Frauen?

Jessica Allemann, 01.01.2013

Von 33 Headliners am Gurtenfestival 2012 waren fünf weiblich. Den Bühnen der Pop- und Rockmusik fehlen die Frauen. Ein Podium Anfang Dezember 2012 sollte Ursachen ergründen und Lösungen ansprechen und tat dies etwas kraftlos.

Im Schweizer Mu­sikbusiness in den Bereichen Jazz, Pop und Rock sind Frauen mit nur 5 bis 10 Prozent vertreten. Besonders Instru­mentalistinnen sind auf Bühnen eine Minderheit. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, lud Helvetia­ rockt, die Koordinationsstelle für Mu­ sikerinnen im Jazz, Pop und Rock, zusammen mit dem Frauenraum in der Reitschule zu einem Podiumsge­spräch.Gurtenfestival ­Veranstalter Philippe Cornu, Managerin Kathy Flück, die Gitarristin der Velvet Two Stripes Sara Diggelmann, Musikjour­nalistin und DJane Tara Hill, die Lei­terin der Sektion Kultur und Gesell­schaft des Bundesamtes für Kultur Franziska Burkhardt und Chrigel Fisch, Pop­ und Rockförderer, disku­tierten unter der Moderation von Radio­Frau und DJane Cheyenne Mackay zum Thema «auf welchen Bühnen spielen die Frauen?».

Man könne während eines Abends zwar nicht die Welt verändern, eröff­net Regula Frei, Geschäftsleiterin von Helvetiarockt, die Gesprächsrunde, das Thema aufs Parkett zu bringen sei zumindest ein Anfang. Zuoberst stehe der Wunsch, dass «ihr hier ein wenig anders rausgeht, als ihr reingekom­men seid».

Von Empörung keine Spur

 Alsbald schlichen sich jedoch Zweifel daran ein, dass sich dieser Wunsch erfüllen würde. Das Gespräch zwi­ schen den Podiumsteilnehmenden wirkte kraftlos, von einer Empörung, welche oben genannte Zahlen auslö­ sen könnten, war nichts zu spüren. Viel zu schnell schien man sich darü­ ber einig zu werden, dass das Thema «Frauenförderung im Musikbusiness» ja eigentlich ein gefährliches sei, weil man durch dessen Thematisierung das erreiche, was man ja bekämpfen möchte: Nämlich das Festigen des Son­ derstatus der «Frau auf der Bühne».
«Gurtenmann» Philippe Cornu beteuerte ebenso wie «Steff La Cheffe»­ Managerin Kathy Flück, sich bis anhin nicht mit der Geschlechterfrage aus­ einandergesetzt zu haben, und dass es «eigentlich scheissegal» sei, ob in einer Band Männer oder Frauen sind, solan­ge der Sound stimme (so Cornu), und solange das Zwischenmenschliche funktioniere (so Flück).
Sogar ein paar Klischees wurden heruntergebetet. So etwa, dass in kommunikativen Bereichen des Busi­ness – beispielsweise bei Pressespre­cherinnen oder Promoterinnen – durchaus auch etliche Frauen zu fin­den seien. Oder dass Frauen die bes­seren Menschen seien, weil sie mehr Sorge zum Planeten trügen und die weibliche Seite der Gesellschaft oh­ nehin besser bekomme als die männ­ liche. Dass die Gewaltbereitschaft, welche gewissen Musikstilen wie Punk, Hardrock oder Hip­Hop imma­nent sei, «a man’s thing» und die «Kre­ativität auf und vor der Bühne nicht nur musikalisch, sondern auch hor­monell und dadurch nicht kontrollier­bar» sei, wie es Chrigel Fisch unglück­lich formulierte. Und worauf er hämi­sches Gelächter aus dem Publikum des Frauenraums erntete.

Einwände aus dem Publikum

Die Öffnung des Gesprächs auf das Publikum zeigte, wo an diesem Abend die Empörung und der Mut zu radika­leren Gedankengängen hockte: In den Stühlen und Sesseln des Frauenraums. Man sei schockiert über die Runde, die sich nicht an das Eruieren möglicher Ursachen der Problematik heranwage. Die Diskussion müsse umgehend in den Kontext grösserer gesellschaftli­cher Strukturen gestellt werden, weil keine und keiner frei handle und sich die Gesellschaft ohne grundlegendes Umdenken nur reproduziere statt ver­ändere. Und ob nicht etwa auch im Musikbereich analog zum politischen System die Einführung einer Quoten­regelung sinnvoll sei.
Zwar wurde nicht auf den Vor­schlag der Frauenquote auf den Schweizer Bühnen eingegangen, aber die Idee spezieller Förderungspro­gramme schien Gefallen zu finden. Allerdings müssten solche Programme viel früher als beim Booking der Bands angesetzt werden, am besten noch im Kindesalter. 

Subtiles Unterwandern

Es scheint, im Frauenraum haben an diesem Abend nicht die Podiumsteil­nehmerinnen und ­teilnehmer dem Publikum neue Ideen eröffnet, son­dern umgekehrt. Aber spielt es eine Rolle, wer am Ende anders nach Hau­se gegangen ist, als er oder sie gekom­men ist?
Das Podiumsgespräch habe wohl tatsächlich mehr Effekt auf die Sensi­bilisierung der Podiumgesprächsteil­nehmenden als auf das Publikum gehabt, sagt auch Organisatorin Re­gula Frei nach dem Anlass. So sei etwa bei Cornu «s Zwänzgi abe», indem ihm bewusst geworden sei, dass Vorbilder auf die Bühne geholt werden müssen. Flück gab Ende des Gesprächs an, dass sich bei ihr ein neues Bewusstsein eingestellt habe, und Fisch hat sich dazu bekannt, die Anliegen von Hel­vetiarockt zu untersützen. «Insofern sind wir durchaus zufrieden mit dem Ausgang des Gesprächs», sagt Frei. Und wenn frau sich statt subtiler Systemunterwanderung ein rockig-röhriges Poltern und Kratzen am Kern gewünscht hätte, tröstet sie mögli­cherweise der Gedanke, dass ein klei­ner Schritt in Richtung Weltverände­rung zwar nicht die Welt, aber immer noch besser als Stehenbleiben ist.

Dieser Artikel ist in einer längeren Ver­sion zuerst erschienen auf Journal B 

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