Chen: «Was man 
erlebt hat, ist das Kapital»

Chen: «Was man 
erlebt hat, ist das Kapital»

Isabelle Bischof, 06.03.2013

Die Karriere des Opernsängers Yongfan Chen-Hauser führte ihn vom Shanghai der Kulturrevolution über Chicago nach Wettingen in der ­Nähe von Baden. Seit 2004 ist er Bassist im Ensemble des Theaters Biel Solothurn. Ein Porträt.


Drei Gründe haben den in Shanghai geborenen Yongfan Chen-Hauser dazu bewegt, China zu verlassen: «Erstens: Chinesen sind sehr klein, ich war immer der Grösste und fand nie passende Hosen. Zweitens: Ich kann nicht mit Stäbchen essen und drittens, der wichtigste Grund: Ich konnte in China keine Opern singen». Dass er seine Leidenschaft für die Oper in China nicht ausleben konnte, führt zurück in die Zeit der chinesischen Kulturrevolution. Als sich Mao 1966 für seine neue politische Linie entschied, war Chen-Hauser zehn Jahre alt, von einem Tag auf den anderen wurden die Schulen geschlossen und Yongfan und seine Mitschüler mussten sich auf der Strasse beschäftigen. Als Schaulustige folgten die Kinder den Ordnungshütern der Roten Garde und sahen zu, wie sie den jungen Frauen die gewellten Haare kürzten oder ihre als kapitalistisch gebrandmarkten, modischen Kleider vom Leib schnitten. Diese Bilder haben sich in Chen-Hausers Erinnerung eingebrannt: «Das, was wir da sahen, erschien uns Kindern zwar lustig, aber eigentlich war es alles sehr brutal.» 


Von Shanghai aufs Lande


Als Jugendlicher begann Chen-Hauser in einem Jugendmännerchor zu singen. Das Repertorie dieses Ensembles bestand vor allem aus Propagandaliedern, Kriegsmusik und vertonten Parolen Mao Zedongs. Doch lange konnte er dort nicht mitsingen, denn gemeinsam mit vielen tausend Jugendlichen wurde er von der Regierung aufs Land geschickt. Die Energie der Jungen sollte nun nicht mehr für Chaos auf den Strassen sorgen, sondern auf Farmen investiert werden. Auf Chen-Hausers Farm gab es eine Theatergruppe, die regimetreue Unterhaltungsabende über das Landleben gestaltete. Er arbeitete dort als Schauspieler, Kabarettist und Sänger und war später sogar der Direktor dieser Truppe. Viele der Mitglieder waren Töchter und Söhne von professionellen Musikern – sie entdeckten sein Potenzial: «Du hast eine gute Stimme, du solltest richtig Singen lernen» sagten sie und organisierten ihm kostenlosen Gesangsunterricht bei ihren Eltern.


Üben verboten


Trotz seiner Begabung war es Chen-Hauser nicht erlaubt zu üben. Einerseits war westliche Musik verboten, andererseits wollten die Farmen die Jugendlichen möglichst lange an sich binden. Um seine Arien doch zu singen, schlich sich Chen-Hauser regelmässig weg: «Ich übte unter einer Brücke, die einige Kilometer von der Farm entfernt lag, da gab es ein bisschen Akustik. Vor zwei Jahren bin ich an diesen einsamen Ort zurückgekehrt und habe nochmal gesungen. Einige Kameraden von damals waren dabei und sagten: ‹Jetzt singst tausendmal besser!›» 


Nachdem 1976 die Revolution mit Maos Tod ihr Ende nahm, öffneten auch die Universitäten und Konservatorien wieder und die begrenzten Studienplätze waren heiss begehrt. Dank seiner Begeisterung bestand Chen-Hauser beim dritten Versuch die Aufnahmeprüfung und setzte sich gegen 700 Mitbewerber durch. Auch wenn die Kulturrevolution offiziell zu Ende war, gab es in China keine Gelegenheit, westliche Opern zu singen. 


Robinson auf der Insel


Nach dem Abschluss emigrierte Chen-Hauser nach Chicago um dort sein Studium fortzusetzen. Eine neue Sprache, eine andere Mentalität, der westliche Lebensstil – die Ankunft war für ihn alles andere als einfach: «Ich fühlte mich wie Robinson, der auf der Insel strandete.» Mit der Hilfe von Freunden, Schloraships und einem Brotjob in einem China-Restaurant bestritt er den Alltag. Bald arbeitete er dann als Singing-Waiter in einem edlen, italienischen Hotel: «Wir servierten im Kostüm und sangen Arien, das waren gutbezahlte Übstunden für mich» blickt Chen-Hauser zurück. Nicht zuletzt lernte er in Chicago seine Mitstudentin und spätere Frau kennen, eine Schweizer Pianistin. Nach der Ausbildung heirateten die beiden und zogen in die Schweiz, wo er nun seit über zwanzig Jahren lebt. Nach zehn Jahren im Landestheater Innsbruck ist er seit 2004 festes Mitglied im Sängerensemble des Theaters Biel Solothurn und verkörperte dort bereits 28 verschiedene Rollen. Zur Zeit steht er für Evgeny Onegin, Land des Lächelns und Rigoletto auf der Bühne. Obwohl Shanghai weit in der Ferne liegt, begleitet ihn seine chinesische Vergangenheit tagtäglich: «Ich finde, was man erlebt hat, ist das Kapital!».


> www.theater-solothurn.ch

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