«Mehr Farbe im Musikbetrieb!»

«Mehr Farbe im Musikbetrieb!»

Interview: Theresa Beyer, 09.05.2013

Vergangenen März ist die ­Präsidentin des ForumMusikDiversität Irène Minder-
Jeanneret zurückgetreten. Im Interview spricht sie von der Komplexität zeitgemässer Auseinandersetzung mit 
Gender, fehlendem Mut in 
der Konzertprogrammierung und blickt zurück auf ihr über 20-jähriges Engagement im Verein.


Irène Minder-Jeanneret lebt in Liebefeld, arbeitet als freischaffende Übersetzerin sowie Musikwissenschaftlerin und hat über die Genfer Komponistin Caroline Boissier-Butini promoviert. Seit 1992 engagiert sie sich im FrauenMusikForum, als Mitglied, im Vorstand, als Geschäftsleiterin und im Präsidium. 2011 wurde sie zur Präsidentin gewählt und beteiligte sich massgeblich an der Neuausrichtung und Umbenennung in ForumMusikDiversität. Nach ihrem Rücktritt im März wird im Frühherbst der Vorstand und das Präsidium neu gewählt.


Irène, du bis 1992 zum FMF gestossen und hast seit dem den Verein aus verschiedenen Positionen kennengelernt und mitgestaltet. Was hat sich verändert?


Die Anfänge waren sehr emotional, wir waren vom Kampfgeist beflügelt. Damals ging es vor allem darum, die Musik von Komponistinnen zugänglich zu machen; es war einfach keine – oder nur lückenhafte – Forschung da. Jetzt haben die Gender Studies gezeigt, dass Frauen zu jeder Zeit, überall und in jeder erdenklichen Gattung Musik komponiert und gespielt haben. Heute gibt es Noten, werden Dirigentinnen ausgebildet und jedes Instrument im Orchester wird auch von Frauen gespielt. 


Braucht es denn das FMD da überhaupt noch?


Unbedingt! Mit Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit haben wir sehr viel erreicht, aber wir stossen immer wieder gegen die berühmte Glasdecke. Die vorhandenen Noten müssen nämlich auch genutzt, die Dirigentinnen auch gebucht werden. Wir müssen endlich die festgefahrenen Strukturen durchbrechen, es braucht mehr Farbe im Musikbetrieb! In den letzten Jahren ist in den sinfonischen Abonnementskonzerten in der Schweiz zudem einen Rückschritt zu beobachten: in den Nullerjahren gab es pro Konzertsaison vielleicht zwei oder drei Komponistinnen, jetzt sind es höchstens eine, oft sogar keine.


Wie erklärst du dir diese Tendenz? 


Es ist der allgemeine Trend immer mehr Werke von immer weniger Komponisten zu spielen. Die Veranstalterinnen und Veranstalter ziehen sich zurück, wie die Schnecke in ihr Häuschen und berufen sich auf die so genannten «sicheren Werte». Sie trauen sich nicht mehr das zu teilen, was ihnen selbst Freude macht, denn sofort wird auf die Rentabilität geschielt.


Auf diese konservativen Winde antwortet das FMD mit einer Öffnung, die sich in der Umbenennung von FrauenMusik-Forum in ForumMusikDiversität manifestiert…


Es war ein risikofreudiges Experiment. Ich stehe voll und ganz dahinter, bin mir aber auch der Herausforderung bewusst: Sobald man sich entscheidet, etwas Lineares in etwas Systemisches zu überführen, wird es komplex. Die Mission wird subtiler und der Erklärungsbedarf höher. Und gleichzeitig braucht es die Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, die ähnliche Anliegen haben.


Was nimmst du mit aus deiner langjährigen Arbeit? 


Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass es sich lohnt auch bei langatmigen Prozessen dranzubleiben. Und ich habe gelernt politisch zu denken und die Thematik im Schritt mit der Gesellschaft weiterzuentwickeln. Und natürlich nehme ich die schönen Erinnerungen mit, zum Beispiel die Porträtkonzerte mit Caroline Charière. Wir hatten das Münster gefüllt, das war phänomenal! 


Wo siehst du die derzeitigen Herausforderungen des FMD?


Vor 30 Jahren war es für den Verein ein Grosserfolg, wenn ein Werk ­einer Komponistin aufgeführt wurde. Heute braucht es Leute mit mehr Sachwissen – und die sind leider schwer für freiwilliges Engagement zu gewinnen. Ich bedaure sehr, dass es mir nicht gelungen ist, mehr Leute ans FMD zu binden, gleichzeitig bin ich aber denen dankbar, die weiterhin dabei sind. 


Was ist im Moment dein Lieblingsprojekt des FMD? 


Die virtuelle Komponistinnengalerie liegt mir sehr am Herzen. Mir entspricht der Ansatz, Sachverhalte zuerst anspruchsvoll aufzuarbeiten und sie dann auf die praktische Ebene herunter zu brechen.


Was wünschst du dir für die FMD-Zukunft? 


Ich wünsche mir kraft- und lustvolle Leute, die dafür einstehen, dass der Gleichstellungsartikel in der Verfassung auch im Kulturbereich umgesetzt wird. Das geht los beim Gender Budgeting und bei der Programmierung. Das FMD muss weiter sensibilisieren: das Publikum ist hungrig auf Ungehörtes!

ForumMusikDiversität

Präsidentinnen (Co-Präsidium)
Dr. Christine Fischer und Daniel Lienhard
praesidentin@musicdiversity.ch

Vorstand
Katrin Boesiger, Anna Fintelmann, Christine Fischer, Daniel Lienhard, Stefan Meier, Anmari Willi

Redaktion
Christine Fischer
cfischer@musicdiversity.ch

Geschäftsstelle
info@musicdiversity.ch

Postadresse
ForumMusikDiversität
Postfach
CH - 4001 Basel

Website
www.musicdiversity.ch