Aus der Vergessenheit auf die 
Konzertbühne

Aus der Vergessenheit auf die 
Konzertbühne

Martina Hunziker, 05.06.2013

2012 jährte sich der Todestag der Komponistin Marianna Martines zum 200. Mal. Die Cembalistin Nicoleta Paraschivescu widmet sich mit ihrem Ensemble La Floridiana ihrem Werk und holt das Ausnahmetalent des 18. Jahrhunderts aus der Vergessenheit. 


«Sie hatte eine perfekte Konstellation», lautet die These der Cembalistin und Organistin Nicoleta Paraschivescu, weshalb es Marianna Martines gelang, sich als Frau im 18. Jahrhundert erfolgreich der Komposition zu widmen. «Sie hatte ausgezeichnete Lehrer und die Möglichkeit, überhaupt Unterricht zu erhalten.» Martines, eine gebürtige Wienerin mit spanischen Wurzeln, wurde mit Wohlwollen und nach besten Kräften gefördert – und dies von keinem Geringeren als Pietro Metastasio, dem wohl bekanntesten Librettisten dieser Zeit. Der Dichter erkannte Mariannas musikalisches Talent früh und nutzte seine weitgreifenden Bekanntschaften um ihr die besten Lehrer zur Verfügung zu stellen. So erhielt Marianna Unterricht von Johann Adolph Hasse, Nicolò Porpora und Joseph Haydn. 


Zeiten des Erfolgs …


An regelmässigen Akademien präsentierte Marianna ihr kompositorisches und musikalisches Können und sorgte für grosse Begeisterung. Auch Wolfgang Amadeus Mozart soll ihre Akademien besucht und sich an ihren Künsten erfreut haben. Als erste Frau der Geschichte wurde Marianna im Jahr 1773 in die hoch angesehene Accademia Filarmonica in Bologna aufgenommen. Dies ermöglichte ihr eine weite Vernetzung in den höheren Gesellschaftsschichten – von da an spielte sie regelmässig für die österreichische Kaiserin Maria Theresia. Martines’ Erfolg weckte auch das Interesse von Musikverlagen, viele ihrer Werke wurden gedruckt und veröffentlicht.


… und des Vergessens


In ihrem kompositorischen Schaffen widmete sich Martines vor allem der Kirchenmusik: Nebst einer Messe schrieb sie zahlreiche Kantaten, Psalmen, Motetten und zwei grosse Oratorien. Aber auch Arien über Texte von Metastasio und Solowerke für Cembalo zählen zu Martines’ Werk. Vieles von Martines‘ Instrumentalmusik ist jedoch heute verschollen. Von den zwölf Konzerten und 31 Sonaten für Cembalo, die ein Werkkatalog aus dem Jahr 1846 verzeichnet, sind heute nur vier Konzerte und drei Sonaten erhalten.


Voller Ideenreichtum


Als musikalische Besonderheit in den Kompositionen von Martines fällt die Partimento-Praxis auf: Die bezifferten und unbezifferten Bässe fordern vom Interpreten grosse Variation in der musikalischen Ausschmückung. Martines selbst soll diese Praxis als Interpretin besonders gut beherrscht haben. Nicoleta Paraschivescu verfügt über fundierte Kenntnisse zu dieser Kompositionsweise und vermag es deshalb besonders, Martines’ Werken neues Leben einzuhauchen. Sie begeistert sich für den Ideenreichtum in Martines’ Musik: «Die Begleitung ist manchmal geprägt von neapolitanischen oder galanten Schemata, aber die melodische Führung der Gesangsstimme ist immer interessant und voller überraschender Wendungen. Es herrscht eine Leichtigkeit, die mich sehr anspricht.» 


Voller Engagement


Mit ihrem Ensemble La Floridiana widmet sich Nicoleta Paraschivescu dem Werk der begabten Komponistin. Die Gruppe setzt sich zusammen aus jungen Musikerinnen und Musikern, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben. 2012 erschien die CD «Il primo amore», die das Ensemble gemeinsam mit der Sopranistin Nuria Rial aufnahm. Ausgewählte Werke von Martines – Arien, eine Solokantate sowie ein Konzert und eine Sonate für Cembalo – wurden teils erstmals eingespielt. Am 29. Juni 2013 ist La Floridiana nun gemeinsam mit der italienischen Mezzosopranistin Anna Bonitatibus in der Leonhardskirche Basel zu hören (siehe Agenda). Unter dem Konzerttitel La Tempesta führt das Ensemble eine Auswahl aus Martines späten Kantaten für Mezzosopran, Streicher und Bläser auf. Die Werke entstanden zwischen 1778 und 1786 und zeigen eine reife harmonische Tonsprache. Die Kantate «Orgoglioso fiumicello» hat Martines ihrer Schülerin, der Gräfin Victoire de Fries gewidmet, deren Familie zu den wichtigen Mäzenen Beethovens in Wien gehörte.


Mit der Aufnahme und zahlreichen Konzerten verfolgt Nicoleta Paraschivescu eine Mission: «Ich will die Komponistin aus der Vergessenheit holen und möglichst viele ihrer Werke einem breiten Publikum zu Gehör bringen.»

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