Chorleitung für Frauen

Chorleitung für Frauen

FC:, 03.07.2013

Wie fühlt sich eine Leitungsfunktion an? Wie kann man als Frau selbstbewusster vor einem Chor auftreten? Wie schafft man eine produktive und motivierende Arbeitsatmosphäre? Dies sind die Kernbereiche des Kurses «Chorleitung für Frauen». 


Geleitet wird dieser Workshop von Felipe und Katja Cattapan. Im Interview erzählt das Ehepaar von genderspezifischen Besonderheiten im Führen und gibt Einblick in die Inhalte des zweitägigen Kurses.


Felipe Cattapan wurde in Rio de Janeiro geboren und hat in Paris und Lugano Dirigieren studiert. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste Bern, Gastdozent an der Universität Rio de Janeiro und gibt seit 2009 Dirigierkurse. Seine Frau Prof. Dr. med. Katja Cattapan ist Psychiaterin und Psychotherapeutin, Chefärztin, Titular-Prof. an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern und Lehrbeauftragte an der Hochschule der Künste Bern.


Herr Cattapan, ist es noch in den Köpfen, das Bild des Chorleiters als unanfechtbaren Maestro?


FC: Nein, dieses Bild ist zum Glück altmodisch geworden. Heute sind Soft Skills immer mehr gefragt als Autorität.


Nehmen wir mal ein Beispiel. Eine Frau leitet einen Profi-Männerchor und einer der Sänger übt immer wieder unsachliche Kritik. Wie deuten Sie die Situation und welche Tipps würden Sie aus Ihren beiden Perspektiven geben, Frau und Herr Cattapan?


KC: Frauen lassen sich in ihrem Selbstwertgefühl durch so eine Kritik oft stark irritieren. Ein typisches Muster von vielen Frauen ist es, sich persönlich angegriffen zu fühlen, dann entweder aggressiv oder eher depressiv zu reagieren. In beiden Fällen fehlt häufig die Distanz, was das Führen schwierig macht. 


FC: Zuerst sollte die Leiterin überprüfen, ob an der Kritik etwas Wahres dran ist. Wenn ja, dann muss sie sachlich reagieren. Wenn die Kritik aber nur auf Abwertung abzielt, gibt es verschiedene Strategien. Die Hauptsache ist, dass sie es nicht persönlich nimmt. Dazu braucht es eine bestimmte Grundhaltung: die Dirigentin sollte sich zum Beispiel nicht nur über die momentane, kurzfristige Anerkennung des Chores definieren. Vielleicht hilft auch die Vorstellung, gemeinsam der Musik zu dienen. Dann sieht sich die Leiterin nicht als Vertreterin von sich selbst, sondern als Vertreterin der Botschaft der Musik.


Frau Cattapan, Sie halten am Anfang des Kurses ein Referat. Darin gehen Sie davon aus, dass Frauen anders führen als Männer. Woran machen Sie das fest?


KC: Ich greife natürlich auf meine eigene Erfahrung zurück. Ich denke da an Situationen, die einem Mann wahrscheinlich nicht so widerfahren wären oder an bestimmte Zweifel an meinen Führungsqualitäten. Frauen werden seit dem Kindergarten geprägt, eher zu folgen als zu führen. In Führungssituationen sind sie zudem allein: auf gleicher Ebene finden sich oft vor allem Männer. Und da sehe ich viele Parallelen zum Dirigieren.


Was ist denn der Vorteil, dass die Frauen im Workshop unter sich sind?


Die Frauen erhalten so einen geschützten Raum, in dem sie sich frei entfalten können – vielleicht sind sie so selbstbewusster und haben weniger Lampenfieber. Und sie können sich über ihre Erfahrungen austauschen und Netzwerke knüpfen. Der Kurs ist sehr praxisorientiert: die Frauen dirigieren den Chor, der aus den Workshopteilnehmenden zusammengesetzt ist. Ich beobachte und gebe ihnen dann individuelle Tipps.


Sie wollen die Teilnehmenden auch für die Werke von Komponistinnen sensibilisieren, wie genau? 


FC: Ja, ich möchte vom ewig gleichen Kanon wegkommen. Ich werde zum Beispiel die belgische Komponistin Jacqueline Fontyn vorstellen, sie hat viele Werke für Chor geschrieben. Ich möchte mit den Teilnehmerinnen auch im Speziellen Frauenchorliteratur anschauen. 


Das klingt nach einem Workshop, in dem Frauen Werke von Frauen für Frauenchor dirigieren – nach einer geschlossenen Welt, in der die Differenz betont wird...


KC: So ist es natürlich nicht, der Workshop soll offen sein. Passiv dürfen ja auch Männer teilnehmen, also im Workshop-Chor mitsingen. Und es werden auch nicht nur Werke von Komponistinnen gesungen. Aber natürlich werfen solche Projekte ähnliche Fragen auf wie die Quotenregelung. 


FC: Und ausserdem bin ich ja auch ein Mann... (lacht)

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