Wer hinter dem 
DJ-Pult thront

Wer hinter dem 
DJ-Pult thront

Vina Yun, 04.09.2013

Noch immer herrscht in der elektronischen Musik ein enormes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Meistens sind es Männer, die in Clubs und auf Festivals auflegen. DJKünstlerinnen-Netzwerke wie female: pressure halten diesem Missstand entgegen.


Was haben Festivals wie der Berliner «Club Transmediale», «Mutek» in Montréal und das Krakauer «Unsound» gemeinsam? In all ihren Line-ups beträgt der Anteil weiblicher Musikerinnen bestenfalls zehn Prozent. Wie unausgewogen das Geschlechterverhältnis in der elektronischen Musik- und digitalen Kunstszene gestaltet ist, verdeutlicht auch der jüngste Report des Künstlerinnen-Netzwerks female:pressure, der zum diesjährigen Frauentag veröffentlicht wurde. Darin wurden etwa fünfzig internationale Festivals aus dem Bereich der elektronischen Musik und digitalen Kunst wie auch diverse Labelveröffentlichungen und DJ-Chartlisten unter die Lupe genommen: Im Durchschnitt beträgt der prozentuelle Anteil an weiblichen Artists 8.4 Prozent, während Männer fast 84 Prozent stellen. Die weiteren rund acht Prozent machen gemischte Acts aus. Festivals wie «e_may» in Wien oder «Les Femmes s’en Mèlent» mit Hauptsitz in Paris, die ausschliesslich Frauen einladen, sind hier nicht mitgezählt. Mit ihnen würde sich die weibliche Gesamtquote auch nur geringfügig erhöhen – auf 10.3 Prozent. 


Mangelndes Bewusstsein


Die herkömmlichen Erklärungsversuche für die Schieflage sind bekannt: Nicht nur werden alte Klischees über die fehlende Technikbegeisterung von Frauen aufgewärmt – auch die (einst als emanzipative Utopie formulierte) Vorstellung elektronischer Musik als geschlechts- und körperlosem Sound wird in Stellung gebracht. «Die vermeintlich abstrakte Musik wurde geschlechtslos gedacht – aber ausschliesslich von männlichen Protagonisten umgesetzt», wie Kirsten Reese, Elektronikkomponistin aus Berlin, feststellt. «Inszenierung und Performativität traten in der elektronischen Musik, die keine Bühnenshow, keine Gesangsstimmen hatte bzw. hat, stark zurück. Es gab also weniger Bewusstsein dafür, dass jeder Auftritt in unterschiedlichen Graden eine Selbstinszenierung ist – und damit auch weniger Bewusstsein für potenzielle Brechungen und die Dekonstruktion von Geschlechterrollen.»


Doch wie kann es sein, dass gerade Genres, die als innovativ, offen und experimentierfreudig gelten, den Quotenforderungen in Wirtschaft und Politik um Jahre hinterher hinken? female:pressure bringt es auf den Punkt: «Wir unterstellen nicht, dass Veranstalter und Kuratoren aus purer Misogynie fast ausschliesslich männliche, weisse Künstler buchen, sondern weil es den sozialen Gepflogenheiten entspricht.»


Sichtbarkeit erhöhen


Um ein Gegengewicht zu den männlichen Netzwerken zu bilden, haben sich seit den 1990ern viele Initiativen wie z.B. Pink Noises, DJ Girl, Shejay, Women on Wax oder Her Beats/Women in Electronic Music herausgebildet. Die meisten davon sind nach kurzer Zeit wieder verschwunden, dafür erweisen sich einige als besonders langlebig – so wie female:pressure. Das Netzwerk wurde 1998 von der Wiener Musikproduzentin und Techno-DJ Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo gegründet, als «Antwort auf die gängigen Kommentare, dass es so wenig Frauen in der Szene gäbe.» Derzeit zählen Datenbank und Community von female:pressure rund 1200 Mitglieder in 56 Ländern: Mitglieder sind DJs, Produzentinnen, Vokalistinnen, bildende und Performance-Künstlerinnen ebenso wie Bookerinnen und Labelbetreiberinnen, aber auch Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen.


«Wer nicht gehört wird, kann nicht berühmt werden, wer wenig Anerkennung bekommt, hat wenig Lust weiterzumachen», resümiert Electric Indigo und appelliert damit KuratorInnen, Club- und FestivalbetreiberInnen und Medien: sie sollen bewusst an weibliche (Nachwuchs-)Künstlerinnen herantreten und somit dem überaus kritikwürdigen Status quo aktiv entgegensteuern.


> www.femalepressure.net

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