Unterdrückte 
Musik wird 
wiederentdeckt

Unterdrückte 
Musik wird 
wiederentdeckt

Daniel Lienhard, 04.12.2013

Das französische Forum « voix étouffées » widmet sich der Aufführung und Erforschung von Musik, die im Dritten Reich sowie in anderen 
totalitären Systemen verfemt, unterdrückt und verboten wurde. Vom 7. bis am 19. November fand das 6. Festival «Voix étouffées» statt.


Was haben Ernst Toch, Alexander Mossolow, Władysław Szpilman und Franz 
Schreker gemeinsam? Wenig, ist man geneigt zu denken, wenn man diese Namen auf einem Konzertprogramm sieht. Am 10. November spielte das Orchestre Philharmonique de Strasbourg unter der Leitung von Amaury du Closel in der Cité de la musique et de la danse Werke dieser vier Komponisten: die neoklassizistische Bunte Suite von Toch in der Art des frühen Schostakowitsch, Mossolows futuristisches Klavierkonzert und Szpilmans an Gershwin erinnerndes Concertino für Klavier (beide von Alexander Ghindin fulminant interpretiert), sowie am Schluss Schrekers Geburtstag der Infantin – eine Tanzpantomime nach Oscar Wilde von 1908 im prächtigen spätromantischen Gewand. Dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit: trotz der grundverschiedenen Musikstile sind alle vier Komponisten an Leib und Leben bedroht worden. 


Vier exemplarische Schicksale


Um der physischen Vernichtung als Jude zu entgehen, wanderte Toch – dessen Werke in Deutschland regelmässig aufgeführt wurden – bereits 1933 nach Amerika aus. Wie viele andere europäische Komponisten komponierte er dort zum Broterwerb Filmmusik für Hollywood. 


Mossolow war von den Ideen des Sozialismus überzeugt. Um die Revolution zu unterstützen schuf er avantgardistische Maschinenmusik, wie etwa die berühmte «Eisengiesserei». Unter Stalin wurde er als «konterrevolutionärer, bourgeoiser Komponist» zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Um zu überleben, schrieb er später tonale Musik im Geiste des sozialistischen Realismus. 


Durch Polanskis Film Der Pianist wurde der Pole Władysław Szpilman berühmt. Er entkam nur knapp einem Transport in das Vernichtungslager Treblinka und konnte in Warschau untertauchen. Als Pianist, Komponist und Musikredaktor des polnischen Rundfunks war Szpilman nach dem Krieg eine bedeutende Persönlichkeit des polnischen Musiklebens. 


Franz Schreker, in Berlin kurze Zeit Lehrer von Szpilman, war in der Zwischenkriegszeit einer der meistgespielten lebenden Opernkomponisten, Direktor der Berliner Musikhochschule und in Wien und Berlin einer der gefragtesten Kompositionslehrer. Sowohl seine jüdische Abstammung wie auch seine erfolgreichen Opern – deren selbstverfasste Libretti von seinen Gegnern als obszön gebrandmarkt wurden – machten ihn den Nazis besonders verhasst. Bereits zu Beginn der 30er Jahre wurden Aufführungen seiner Werke von braunen Horden gestört. Nach der Machtergreifung wurde Schreker sofort aus allen Ämtern entlassen. Er starb 1934 an einer Herzattacke.


Erinnern und wiederaufführen


Das Forum voix etouffées will an solche Komponistinnen und Komponisten erinnern und ihre Werke einem breiteren Publikum bekannt machen. Es sind Komponistinnen und Komponisten, deren Karrieren durch Faschismus und Totalitarismus zerstört wurden oder die in Konzentrationslagern umgebracht wurden, wie z.B. die Tschechen Pavel Haas, Gideon Klein, Viktor Ullmann und Hans Krása.


Das Forum wurde von dem Dirigenten und Komponisten Amaury du Closel gegründet und hat seinen Sitz im elsässischen Strasbourg. Der Verein ist sich bewusst, dass selbstverständlich nicht alle unter einem Terrorregime entstandene Musik von gleicher Qualität sei. In einem ersten Schritt müssten die Werke wieder bekannt gemacht werden – allein schon als politische und kulturelle Antwort auf die Gewaltakte, die zu ihrem Verschwinden geführt haben. Erst in einem nächsten Schritt sollten sie nach ästhetischen Kriterien beurteilt werden. Dann entscheidet sich, welche Kompositionen einen Platz im Repertoire finden.


Abgerundet wurde das Festival durch ein zweitägiges Symposium, in dessen Rahmen Forscherinnen und Forscher über die Musikpraxis in Konzentrationslagern, im stalinistischen Gulag und in Pinochets chilenischen Gefangenenlagern referierten. Wie man heute weiss, diente die Musik in diesen Lagern nicht nur den Häftlingen als Identifikationsmedium, sondern sie wurde auch von den Machthabern für propagandistische Zwecke missbraucht. Zu diesem Thema hat das Forum eine lesenswerte Dokumentation publiziert, die auch für Unterrichtszwecke verwendet werden kann.


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