Punkrock fürs Auge

Punkrock fürs Auge

Giulia Meier , 08.01.2014

Der Dokumentarfilm «Pussy Riot: A Punk Prayer» von Mike Lerner und Maxim Pozdorovkin verfolgt den Prozess gegen das russische Punk-Kollektiv Pussy Riot. Mit seinen spektakulären Performances hielt es nicht nur Einzug in die weltweiten Medien, sondern auch in die Ästhetik der Popkultur.


Es ist der 12. Dezember 2013. Wladimir Putin hält seine jährliche Rede an die Nation: Russland sei «für die traditionellen Werte» und gegen die «unproduktive Toleranz, die nicht zwischen den Geschlechtern unterscheidet». Eine Woche später gibt er die Begnadigung von Pussy Riot bekannt. Ist sie ein Erfolg der «Free-Pussy»-Protestbewegung? Oder eine Besänftigung des Westens vor den Winterspielen in Sotschi?


Die feministische Punk-Band und Medienkunst-Gruppe Pussy Riot erregte im Februar 2012 mit eine Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale von Moskau Aufsehen. Mit ihrem «Punk-Gebet» protestierte Pussy Riot gegen die Allianz des russischen Staats mit der Kirche. Schon in früheren Performances lehnten sich die Frauen gegen Putin und seinen Machtapparat auf und wehrten sich gegen die Reduktion der Frau auf die Rolle der liebevollen Ehefrau und gebärfreudigen Mutter.


Chronik eines Prozesses


Der Dokumentarfilm «Pussy Riot: A Punk Prayer» erzählt den international beachteten Prozess gegen die drei Pussy-Riot-Mitglieder Marija Aljochina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch: von der Anklage im Sommer 2012 über den Urteilsspruch bis hin zum überraschenden Freispruch von Jekaterina.


Der Film zeigt Portraits der drei Frauen, Interviews mit deren Eltern und bunt protestierende Menschenmassen. Auch Gegner von Pussy Riot kommen zu Wort, zum Beispiel eine Gruppe von russisch-orthodoxen Christen. Dennoch bedient der Film klar eine westlich progressive Wertehaltung: Als junge Schweizer Zuschauerin identifiziert man sich stark mit den drei Protagonistinnen.


Bunte Röcke und Balaclavas


Das Erkennungsmerkmal von Pussy Riot ist ihre Kleidung. Sie gingen um die Welt, die Bilder ihrer bunten Röcke, Strümpfe und die Balaclavas – die farbigen Sturmhauben mit Löchern für Augen und Mund. Längst haben sie Eingang gefunden in die Ästhetik zeitgenössischer Pop- und Filmkultur, zum Beispiel in den Amerikanischen Streifen Spring Breakers von Harmony Korine, oder in die Schweizer Komödie Les Grandes Ondes (a l’Ouest) von Lionel Baier. Dass der amerikanische Fernsehsender HBO – einer jener Sender, der die Seriensucht von Millionen befriedigt – das Senderecht am Film «Pussy Riot: A Punk Prayer» gekauft hat, ist ein weiteres Zeichen für die Massentauglichkeit von Pussy Riot.


Was aber ist mit der Musik? Pussy Riot macht Punk. Punk war noch nie eine Musik, die gefallen wollte. Punk ist vielmehr eine Haltung. Auch für Pussy Riot ist die Musik vor allem ein Vehikel für ihren Protest, wie der Film zeigt. Mehr als die schnellen Gitarrenriffe, hinterlassen die Songtexte einen bleibenden Eindruck: im Refrain des Punkgebetes in der Moskauer Kathedrale schrieen die Frauen: «Gottesscheisse!»


Was ebenso hängen bleibt, sind die Bilder: Die bunten Kleider, der sexy Schmollmund von Nadeschda, das engelhafte Antlitz von Marija, der keck-intelligente Blick von Jekaterina. Nun sind die letzten beiden Frauen freigelassen. Werden sie uns bald wieder mit ihrem Mut beeindrucken?


Pussy Riot ist eine russische Medienkunst- und Punk-Band aus Moskau. Pussy ist Englisch für Kätzchen, heisst umgangssprachlich auch Vagina. Riot bedeutet Aufstand, Krawall. Die Gruppe wurde 2011 als loses Kollektiv von etwa 10 jungen Frauen gegründet und vertritt feministische, staatskritische Positionen. Weltweit bekannt wurde Pussy Riot mit der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau am 21. Februar 2012, woraufhin drei Mitglieder zu mehreren Jahren Straflager verurteilt wurden. Am 19. Dezember wurden Pussy Riot und andere «Staatsfeinde» vom russischen Parlament begnadigt.

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