Das FMD porträtiert seine Mitglieder: Iris Szeghy

Das FMD porträtiert seine Mitglieder: Iris Szeghy

Christine Fischer , 02.04.2014

Die neue Interview-Rubrik mit Mitgliederporträts des FMD beginnt mit Fragen an die in Zürich lebende, international renommierte Komponistin Iris Szeghy.


Aus aktuellem Anlass, den in Kürze anstehenden Schweizer Aufführungen von «Anrufung des Grossen Bären» nach Gedichten von Ingeborg Bachmann, spricht die in der Ostslowakei geborene Wahlschweizerin über diese Komposition und ihren musikalischen Werdegang. 


Iris Szeghy, in «Anrufung des Grossen Bären» lassen Sie Bachmanns Gedichttexte «Reklame» und «Anrufung des Grossen Bären» sehr integer. Sie werden nicht zerlegt, nicht in Klanglichkeit zersetzt. 


Es ist wahr, dass mich Text als blosser Klang nicht interessiert. Für mich ist es wichtig, dass die Worte etwas aussagen. Dieses innere Bedürfnis, etwas zu sagen ist die Zauberformel für meinen Zugang, nicht nur zu Text, sondern zur Musik allgemein. Nicht zuletzt ist es auch ein Grund, warum ich Komponistin geworden bin. 


Es gibt eine Stelle, an der das Klangliche des Textes dennoch überwiegt, das ist das mehrmals wiederkehrende «Z» in der Singstimme; ein Klang, der wiederkehrt, auch wenn er im Text nicht vorgegeben ist. 


Klangmalerei und eine auf den Ausdruck fokussierte Vertonung verstehe ich nicht als Widerspruch. Ich kann nur einen Text vertonen, der mich bewegt, für dessen Vertonung setze ich dann alle musikalische Mittel ein, auch die klangmalerischen. Das «Z» steht für mich für die Bedrohung, die vom Bären ausgeht. Auch die Reklametexte im 1. Satz, die in die Flöte gesprochen werden, haben diese Zwischenstellung: Sie sollen verstanden und gleichzeitig in einen ungewöhnlichen magischen Klang gehüllt werden. Die «Flöten-Stimme» bildet eine klangmalerische Gegenüberstellung zur klassisch gesungenen Vokalpartie – so erreiche ich musikalisch die sprachliche Bipolarität der «Reklame». 


Ein sehr berührender Moment im Grossen Bären ist für mich der Schluss des Zyklus, wo es um Totenstille geht – und dann bleibt ein Terzmotiv des Klaviers. Ist Klang das, was bleibt, was überdauert?


Ich würde das eine scheue Hoffnung nennen. Das Terzmotiv ist eigentlich ein Kindermotiv. Denn die Schwere, die uns in die Depression und den Tod zieht, braucht ein Gegengewicht. Das naive Motiv bringt Gleichgewicht und gibt die Hoffnung auf Sinn. Ich bin im tiefen Inneren eine Optimistin, ich glaube, dass es etwas gibt, das uns nach oben zieht.


Wie steht ihre Musik im Verhältnis zur Musiktradition? Sie haben sich selbst bezeichnet als jemanden, der eine Einzelkämpferin ist, die unabhängig von Vorbildern ihren Weg geht.


Einzelkämpferin meinte ich auf den Kontext der Musikstile des 20. Jahrhunderts bezogen. Als ich meine Ausbildung antrat, war so ziemlich alles bereits da: die Avantgarde, Gegenströmungen wie Minimal Music, Neue Tonalität als Rückkehr zur Vergangenheit. Ich wollte mich bewusst nicht zu einer Schule bekennen, sondern meinen eigenen Weg finden. Tradition war nie etwas Fremdes für mich, ich habe mich öfter auf sie bezogen, zugleich die musikalischen Techniken der Avantgarde studiert, mich auch von ihr inspirieren lassen. Ich fand weder allein bei den Traditionalisten noch allein bei den Avantgardisten meinen Weg. 


Und welches ist dann Ihr Weg?


Mein persönlicher Weg, das wurde mir bereits als Studentin klar, ist eine Synthese zwischen Tradition und Avantgarde. Ich habe die für mich besten Elemente der Tradition und der Avantgarde kombiniert, versuche «dazwischen» meine Richtung zu finden. Entscheidend ist für mich der musikalische Ausdruck, der auch bei der ZuhörerIn etwas auslösen kann. 


Und sie waren in ihrer Ausbildung frei, zu wählen?


Ja, ich würde sagen, dass die Welt östlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs vielleicht in dieser Hinsicht generell freier ist als im Westen. Die Postavantgarde ist nicht so dominierend wie ich dies hier empfinde. Diese Freiheit fordert einen heraus und eröffnet neue Möglichkeiten. 


Sie sprechen die kulturelle Herkunft als wichtigen Faktor für ihren Werdegang an. Ist das Geschlecht in dieser Hinsicht inzwischen weniger massgeblich?


Meine Situation ist spezifisch, da ich mir von Anfang an alles erkämpfen musste. Ich war die erste professionelle Komponistin in der Slowakei. Das war ein schwieriger Weg, man ist sehr exponiert und muss sich mit Vorurteilen auseinander setzen. Es ist immer noch ein Problem, als Frau zu komponieren. In der Slowakei gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Komponistinnen, aber das ist wie mit der Frauenemanzipation, die bereits vor langer Zeit angefangen hat: Natürlich ist unsere Lage besser als die unserer Grossmütter. Aber haben wir erreicht, was wir wollten? Ich denke, das wird noch lange dauern. Die Frage ist auch: Will man Politik machen oder will man Kunst machen. Entweder komponiere ich oder ich «gehe auf die Barrikaden». Der Tag hat 24 Stunden und ich muss entscheiden wie ich meine Zeit investiere. Im Grunde bin ich jedoch durchaus idealistisch, anders kann man Kunst nicht betreiben.


An welchen Kompositionen arbeiten Sie im Moment?


Es gibt mehrere Projekte, an denen ich parallel arbeite. Gerade habe ich ein Chorstück für ars canora aus Zürich beendet, dessen Uraufführung im November stattfinden wird. Für ein neu fertig gestelltes Orchesterstück ist die Uraufführung für die Saison 2015/16 mit dem Musikkollegium Winterthur geplant. Zudem beginne ich dieses Jahr ein Stück für die camerata variabile. Und ich arbeite an einem Requiem für Soli, Chor und Orchester – übrigens auf Texte von Frauen.

11. Mai 2014, 19:30, Kunstraum Walcheturm, Zürich


25. September 2014, 19:30, Theaterpavillon, Luzern 


Anrufung des Grossen Bären für Sopran, Flöte und Klavier nach Gedichten von Ingeborg Bachmann


amaltea Ensemble: Sonoe Kato, Sopran, Isabelle Schnöller, Flöte, Eva Schwaar, Klavier


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