Musik ist nicht
quadratisch 


Musik ist nicht
quadratisch 


Anja Wernicke , 04.06.2014

Nehad El-Sayed stammt aus Kairo und war in Ägypten 
bereits ein erfolgreicher 
Oud-Solist, als er beschloss in der Schweiz Komposition zu studieren. Seine CD «Yarns» ist ein Beispiel für interkulturelle Musik, die Ost und West subtil verbindet.


Ein stampfender, archaischer Rhythmus; melodische Bewegungen, die mit ihren Verzierungen und Intervallschritten auf Anhieb orientalisch anmuten. In der Musik von Nehad El-Sayed sind die traditionellen Wurzeln unverkennbar. Doch das Bild, das diese Musik erzeugt, beinhaltet keine Kamele, keine Karawanen. Der Hörer findet sich eher in urbanen Landschaften wieder, in einer zeitgenössischen Form der arabischen Welt. Jemand rezitiert einen Text und es klingt, als könnte das auch der Anfang einer arabischen Rap-Platte sein. In Wahrheit handelt es sich jedoch um einen poetischen Sufi-Text des berühmten Jalal El-Din El-Roumy. Darauf folgen atonale, geräuschhafte Klänge einer Bassklarinette, wie sie im Jazz oder der Neuen Musik benutzt werden. Der Rhythmus lässt uns dabei nicht im Stich. Die Musik schwingt weiter in ihrem stampfenden Takt und die Saiten der Oud werden immer entschiedener und mit wachsendem Nachdruck gezupft. Diese pathosfreie Steigerung wirkt ernsthaft dringlich und hat zugleich eine zarte, zerbrechliche Seite. 


Der 38-jährige Ägypter Nehad El-Sayed hat diese Musik für seine neueste CD Yarns geschrieben und gemeinsam mit vier weiteren Musikern in einer Kirche in Herzogenbuchsee aufgenommen. Er kombiniert auf der Platte traditionelle Rhythmen und Atonalität ohne in Bereiche des plumpen Crossovers abzugleiten. Nehad El-Sayed hat beide musikalischen Welten genau studiert und schafft eine individuelle, originelle Tonsprache. In Kairo absolvierte er, der erst mit 16 Jahren ernsthaft begann Musik zu machen, als erster Student überhaupt ein Solistendiplom am Arabic Oud House. Die Erkenntnisse und Überlegungen, die er später während seines fünfjährigen Kompositionsstudiums in Klassik und Jazz an der Hochschule der Künste Bern bei Xavier Dayer und Christian Henking gewonnen hat, webt er nun wie Fäden, englisch yarns in seine Musik und erschafft damit eine neue, dritte Qualität. Ursprünglich sollten die Aufnahmen in einem Studio in Kairo realisiert werden. El-Sayed berichtet: «2012, ein Jahr nach der Revolution, wollten wir die Aufnahme beginnen, doch die Lage vor Ort war einfach nicht stabil. Ich kann nicht in einem Studio Musik machen in so einer Stimmung. Ich wollte etwas Schönes machen.» 


Dieses Schöne ist jederzeit in der Musik vorhanden. Und gleichzeitig hat jedes Stück auf der CD ganz unterschiedliche Einflüsse und Motivationen: von sehr traditionellen Motiven, Improvisationen, Jazzanklängen bis zu kompositorischen Konstruktionen. Das Stück Mind Prison hat El-Sayed beispielsweise für einen verstorbenen Freund geschrieben: «Seine Mutter sagte mir, Nehad, ich weiss, dass Du ihn zurückholen kannst. Und das hat mich stark berührt. Mittlerweile habe ich schon zwei Stücke für ihn gemacht.» Es ist dieser persönliche, sehr emotionale Hintergrund, der El-Sayed wohl von den meisten westlichen Komponisten unterscheidet. Doch gerade in dem Stück Mind Prison steckt auch viel Konzept, El-Sayed erzählt «Ich habe mich in diesem Stück gefragt, was passiert, wenn man sein Kopfgefängnis einmal verlässt. Aus einer solchen Idee ein ganzes Stück zu entwickeln, das habe ich vor allem bei Xavier Dayer an der HKB gelernt. Als musikalische Umsetzung habe ich schliesslich eine Scordatura gewählt, also eine Verstimmung der Instrumente, weil uns das aus den üblichen Rastern herausbringt.»


Komplizierte Rhythmen, Formspielerein, diese kompositorischen Elemente fallen beim ersten Hören nicht unbedingt sofort auf. Denn die Musik ist stets «hörbar», wie Nehad El Sayed es selbst nennt. Diese «Hörbarkeit» repräsentiert für ihn die Unordnung. Etwas, das nicht von einem Konzept geplant ist, das nicht nur am Schreibtisch erdacht wurde. «Musik ist nicht quadratisch», so sein Kommentar. Und genau deswegen ist sie auch offen für verschiedene Einflüsse.


Ursprünglich hatte er gar nicht vor, für längere Zeit in der Schweiz zu bleiben und in Kairo erwartete man ihn längst für Konzert-Engagements zurück. Mittlerweile hat er die mediterrane Metropole wohl aber für länger gegen die beschauliche Schweiz getauscht, denn heute lebt er mit seiner jungen Familie in der Nähe von Biel. Mehrere Schweizer Formationen, darunter das Berner Kammerorchester und das Ensemble Vortex aus Genf haben bei ihm in den letzten Jahren Kompositionen in Auftrag gegeben. Sehr engagiert ist El-Sayed auch in der Organisation von interkulturellen Austauschprojekten zwischen der Schweiz und der arabischen Welt.


Auch Yarns ist in diesem Sinne konzipiert. Die Band besteht aus Schweizer und ägyptischen Musikern, die aus unterschiedlichen Genres stammen. Lukas Roos an den Klarinetten ist vor allem in der internationalen Jazzszene unterwegs. Er bringt die Multiphonics, die verzerrten Klänge in die Musik, die teilweise wie ein Kratzen, Knarzen oder Röhren klingen. Der Kontrabassist Ahmad Osman, der auch die Rezitationen übernimmt, spielt seit fast 20 Jahren im Cairo Symphony Orchestra. Und schliesslich die beiden Schlagzeuger Amro Mostafa und Khaled Abu Hegazy , die beide mit Grössen der arabischen Musik wie Naseer Shamma und Mahmoud Turkmani auftreten. Seit dem 18. Mai touren sie durch die Schweiz (Herzogenbuchsee, Basel, Winterthur, Bern, Zürich, Rapperswil). Für Juni stehen Termine in Biel (1.6.), Riddes (3.6.), Luzern (4.6.), und Genf 5.6. an. 


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