Ekstase und
Feinsinn in Sartorius’ Klanglabor


Ekstase und
Feinsinn in Sartorius’ Klanglabor


Anja Wernicke , 03.09.2014

Der aus Thun stammende Schlagzeuger Julian Sartorius verbindet sperrig schräge Klänge der experimentellen Elektronik mit der Lust an treibenden Beats. Am Berner Strassenmusikfestival
«Buskers» trat er neben 40 weiteren Gruppen aus
20 Nationen auf.


Lady Gaga im Museum und Anne-Sophie Mutter im Club: die Grenzen zwischen U und E Musik, zwischen Popkultur und Kunst sind längst verschwommen. Grosse Klassik-Labels schmücken sich gern mit hippen Federn und veranstalten - wie beispielsweise Universal mit der «Yellow Lounge» – Konzertreihen bei denen Klassikstars und DJs aufeinander treffen. Popstars suchen die Nähe zu Kunstattributen. Letztlich – und das ist das Paradox – geht es um eine neue Form der Abgrenzung, oft genug stehen Marketingstrategien dahinter. Popularisierung und Verkunstung sind die Stichworte, die sich in dieser Entwicklung nicht unbedingt widersprechen müssen. Den Schlagzeuger Julian Sartorius, der in diesem Jahr für den Schweizer Musikpreis nominiert ist, in diesem Kontext als einen Musiker zu bezeichnen, der Grenzen überwindet, wäre irreführend. Zu sehr klingt dieses abgenutzte Bild nach Crossover und nach gewolltem Projekte à la «und das kann er auch noch». Und zu sehr konzentriert und strapaziert dieses Bild das, was eigentlich überwunden werden soll. Spannend bei Julian Sartorius ist, dass ihm die Grenzüberschreitung vielmehr «einfach zu passieren» scheint. Denn, dass er seine Solo-Improvisationen wie er sie beim Buskers in Bern performte, mit Klängen anreichert, die an Neue Musik, experimentelle Elektronik, Techno oder auch Hip Hop erinnern, ist keine Pose, sondern geschieht im Zuge einer künstlerischen Weiterentwicklung. 


Elektronische Effekte werden akustisch imitiert


Julian Sartorius ist keiner – und das ist das besondere an ihm – der sich die Grenzüberschreitung überdeutlich auf die Fahnen schreibt. Bei ihm, der einerseits von der Lust am Suchen nach neuen Klängen getrieben ist und andererseits wie ein Schwamm aufzusaugen scheint, was ihn umgibt, werden die Grenzen vielmehr wie nebenbei ausgehebelt. Sozialisiert wurde der 1981 in Thun Geborene in Rockbands und Jazzformationen. Er studierte Popmusik und Jazz in Bern und Luzern. Heute zählt nach eigener Aussage die experimentelle elektronische Musik zu seinen grössten Inspirationsquellen. Sartorius imitiert mit gewöhnlichen und ungewöhnlichen Schlagzeugin-strumenten sowie gewöhnlichen und ungewöhnlichen Spielweisen die Klänge experimenteller Elektronik. Auf zwei Becken lässt er so den Effekt eines «Reverse» entstehen. Rhythmen bilden dabei zwar oftmals die Basis. Die Beats, die sich nicht selten bis zur Ekstase hochschrauben, stehen aber nicht «nur» im Dienste des Tanzens und Feierns. Einmal «eingegroovt» entzieht sich die Musik oftmals sofort wieder einem regelmässigen Puls. Geräuschhafte Klangtexturen, die man in der Elektronik mit «Distorsions» bezeichnen würde, stehen viel öfter im Mittelpunkt als rhytmische Kontinuität. «Uneasy Listening» wird dieser Stil auch genannt. Mit dem Quietschen eines Beckens, dem kratzigen Surren der Snare drum oder dem schmutzigen, tiefen Klang der Bass drum schlägt Sartorius’ Versessenheit auf klangfarbliche Feinheiten in eine Kerbe, die dem Wunsch einer jungen Generation entspricht, abseits von Mainstream und akademischer Tradition mit den Mitteln der Elektronik künstlerischen Anspruch umzusetzen. Dieser fällt in den Kreisen der elektronischen Musikszene, die vom exzessiven Achten auf Klangästhetik geprägt ist und deren Anhänger problemlos einzelne Produzenten am «Sound» identifizieren können, auf fruchtbaren Boden. 


Aufmerksames Hören und Mitwippen im Beat


Aber seine Musik kommt auch bei einem weniger szeneerprobten Publikum an wie es sich beispielsweise am Buskers feststellen liess. Sartorius war in diesem Jahr der einzige «experimentelle» Act, obwohl es dort natürlich allerhand unkonventionelles Treiben zu erleben gibt. Vor allem im Bereich der Streetperformances und Walking Acts überraschte bizarre Ästhetik zwischen Clownerie und industriellem Charme. Doch klangliche Irritationen und Experimentierfreude wie bei Sartorius gehörten sonst weniger zum Programm. So äusserte eine Person aus dem Publikum ihr Erleben mit der Feststellung: «Das ist jetzt aber schon sehr experimentell». Ein anderer liess sich und sein Tanzbein einfach von den treibenden Beats mitreissen. 


Beat Diary: der Groove einer elektronischen Zahnbürste 


Die Abwechslung ist es, die Sartorius Musik so überaus spannend macht. Und der Wunsch nach Abwechslung ist es auch, der ihn zu seiner jetzigen musikalischen Tätigkeit geführt hat. Von 2008 bis 2010 war er mit Sophie Hunger auf weltweiter Tournee und gab über 200 Konzerte. Nach diesem, wie er es bezeichnet, «Eindringen in die mikroskopischen Details der Songs» wollte er etwas Eigenes machen und schuf mit dem Projekt «beat diary» das komplette Konträr: ein Jahr lang jeden Tag ein anderer Sound. Akustischer Ausgangspunkt war alles, was ihm so begegnete, sei es die elektronische Zahnbürste oder das Wildschwein im Zoo. Auch auf dem Album «No Compass Will Find Home», das er mit dem britischen Sänger Merz aufgenommen hat, kommen kuriose Instrumente wie Ziegenglocken oder bohrmaschinenähnliche Spielzeuge zum Einsatz. Wiederum wechseln sich Klangflächen-Miniaturen und fein ausgetüftelte Beats ab. Alles ist handgemacht und hat einen starken Bezug zur Alltagswelt. Deshalb wirkt bei Julian Sartorius die Überschreitung der Genregrenzen so natürlich – etwas das ihn mit Sicherheit von den eingangs genannten crossover-Beispielen abhebt.


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