Gendersensible 
Musikvermittlung – geht das? 


Gendersensible 
Musikvermittlung – geht das? 


Anja Wernicke , 01.10.2014

Der Berner Verein Tönstör schickt seit fünf Jahren Kinder und Jugendliche auf die «Stör», das heisst an die 
Arbeit mit Tönen. Die 
Gründerin und Leiterin 
Barbara Balba Weber hat 
dabei Strategien zur 
gendersensiblen 
Musikvermittlung entwickelt.


Musikunterricht an Schulen ist oft wenig kreativ. «Wir singen immer nur, machen fast nie was mit Instrumenten. Und wenn, dann machen wir so kindische Lieder, so vom Dschungelbuch.» Diese Beschreibung von einer Schülerin einer fünften Klasse aus Thun trifft wohl leider ziemlich häufig zu. Neben den musikgeschichtlichen und -theoretischen Lektionen erschöpft sich die Beschäftigung mit Musik im Singen von Liedern aus dem Rock- und Popbereich. Man möchte ja die Kinder bloss nicht abschrecken. 


Eine, die sich andersherum genau das zum erklärten Ziel gemacht hat, nämlich den Schulalltag und die Routine des Musikunterrichts zu «stören», ist Barbara Balba Weber. Diese Zielsetzung klingt bereits im doppeldeutigen Namen ihres Vereins Tönstör an. Sie möchte mit den Schülerinnen und Schüler einen intensiven Arbeitsprozess anregen, der sie auf ungewohntes Terrain schickt. Die sozialen Dynamiken innerhalb einer Klasse stehen dabei oftmals im Wege. Ein Klassen-«Häuptling», häufiger ein Bub als ein Mädchen, schiesst möglicherweise von Anfang an quer und unterbindet Vorschläge von anderen. 


Wenn es nicht nur darum geht, eine richtige oder falsche Antwort zu geben, dann kann man das soziale Machtgefüge, das innerhalb einer jeden Klasse existiert, nicht ignorieren. Darum kommt es bei Tönstör darauf an, die TeilnehmerInnen zu motivieren, selbst kreativ zu werden und eigene Kompositionen im Stil der Neuen Musik zu kreieren.


Mädchen fördern


Die Musikpädagogin Christine Grossenbacher, die bereits mehrere Tönstör-Projekte an ihrer Schule in Münchenbuchsee durchgeführt hat, findet, man müsse vor allem auf sachlicher Ebene diskutieren, warum eine Idee gut sei oder nicht: «Die Lautesten haben nicht immer die besten Ideen. Ich finde es sehr gut, dass das in den Tönstör-Projekten berücksichtigt wird und so auch eher introvertierte Schülerinnen und Schüler zum Zuge kommen.» Barbara Balba Weber ergänzt: «Man muss die Mädchen speziell
fördern, weil sie sich oft nicht so
trauen, etwas vor der ganzen Klasse zu präsentieren. Die Jungs sind oft laut, energisch und wollen ihre Sachen
zeigen. Aber natürlich gibt es auch ruhigere Jungs. Denen muss man auch Räume für leisere Ideen anbieten,
die nicht unbedingt für das Rampenlicht gemacht sind.» Diese Problematik ist stark von der Vorstellung geprägt, wie sich Mädchen und Jungen zu verhalten haben. «Die einwandfreie Zuordnung zu einem Geschlecht ist für die Heranwachsenden von enormer Bedeutung» findet Barbara Balba
Weber. 


Rollen tauschen


Dass auch auf Seiten der Schülerinnen der Wunsch besteht, diese Strukturen aufzubrechen, zeigt sich an der Aussage eines Mädchens aus der 5. Klasse, ebenfalls in Thun: „Am besten am Projekt hat mir gefallen, als wir nur unter uns Mädchen waren. Die Jungs tun manchmal einfach so blöd und dann muss man immer so megalang warten. Die Jungs wollen auch immer im Mittelpunkt stehen. Ich würde am liebsten mal Rollen tauschen, dass wir uns so verhalten wie sie und sie sich so verhalten müssen wie wir.“ Tatsächlich bevorzugt Barbara Balba Weber in bestimmten Konstellationen das Aufteilen einer Klasse in mehrere Gruppen. 


Eine andere Sicht vertritt Tobias Reber, der beispielsweise das Projekt Irritationen, das im Schuljahr 2013/2014 an der Schule von Christina Grossenbacher stattfand, künstlerisch geleitet hat: «In meiner Erfahrung (die sich mehrheitlich auf Projekte mit elektronischer Musik und Medienkunst beschränkt) spielt das Geschlecht der Schülerinnen und Schüler eigentlich keine Rolle. Den Umgang mit Technik trauen sich heute Mädchen wie Jungen zu, dies wohl einfach weil Computertechnologie so alltäglich, ja ein Accessoire geworden ist. Vielmehr geht es, glaube ich, um personensensible Vermittlung, die auf die Interessen, Fähigkeiten und allfällige Bedenken und Unsicherheiten Einzelner eingeht. Andererseits habe ich bei Irritationen aber sehr darauf geachtet dass bei den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern beide Geschlechter mindestens gleichwertig vertreten sind. Am Ende waren es sogar vier Künstlerinnen und zwei Künstler, bei den Gästen umgekehrt zwei Frauen und vier Männer. Was Vorbildfunktionen angeht, da spielt das, glaube ich, schon eine Rolle. »


Gender thematisieren


Konkret inhaltlich wurde die Genderfrage in den Tönstör-Projekten noch nicht thematisiert. Barbara Balba Weber könnte sich einen solchen Aufhänger allerdings durchaus vorstellen. Die Neue Musik gibt mit ihrer Offenheit und ihrem positiven «anything goes» hervorragende Anknüpfungspunkte für Projekte, die sich auch inhaltlich explizit mit der Genderfrage beschäftigen. «Schräge» Töne und «schräge» Personen passen gut zusammen, wenn es darum geht Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass die Realität nicht nur aus schwarz-weissem Mainstream besteht. 


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