U for Utopia!


U for Utopia!


Friederike Kenneweg , 05.11.2014

Frauen sind in der 
elektronischen Musik noch 
immer unterrepräsentiert. 
Damit sich daran etwas ändert hilft nur eins: Netzwerken, netzwerken, netzwerken.


«U is for utopia. This is my utopia. This is our utopia.» Zwei Frauenstimmen skandieren diesen Text als Sprechgesang über elektronisch-trashigen Beats. Im Video dazu tanzen Frauen in wild-futuristischen Kostümen miteinander in einer wüstenartigen Landschaft, jung, schön und frei. «Utopia» ist der Eröffnungssong auf dem neuen Album «Artstravaganza» von Chicks on speed, das in diesem Oktober erschienen
ist. Hinter diesem schrillen Namen verbirgt sich das genreübergreifende Kunstprojekt der Australierin Alex Murray Leslie und der US-Amerikanerin Melissa Logan. 1997 trafen sich die beiden an der Kunsthochschule in München und arbeiten seither nicht nur in aller Welt an genreübergreifenden Kunstaktionen, sondern machten sich auch im Elektropop einen Namen.


Weniger als 10 Prozent Frauen auf der Bühne


Doch auch wenn Acts wie Chicks on Speed unterdessen recht bekannt sind und eine gewisse mediale Aufmerksamkeit genießen: Frauen sind im Feld der elektronischen Musik noch
immer massiv unterrepräsentiert.
Um dem etwas entgegenzusetzen,
hat die Wiener Musikerin Electric
Indigo im Jahr 1998 das Netzwerk female:pressure gegründet. Eine Studie von female:pressure aus dem Jahr 2013 ergab, dass der Anteil weiblicher Künstlerinnen auf Bühnen, Floors und bei Festivals immer noch bei nur zehn Prozent liegt. Einen Frauenanteil von fünfzig Prozent, das ist also immer noch eine ferne Utopie. Booker und Kuratoren, auf diesen Missstand angesprochen, antworten mit dem Argument, es gäbe eben einfach so wenig Frauen in diesem Bereich. 


Pionierinnen der
elektronischen Musik


Dabei wurde die elektronische Musik schon seit ihren Anfängen von Frauen entscheidend mitgeprägt. 


So komponierte die deutsch-amerikanische Komponistin Johanna Magdalena Beyer, die 1923 nach New York ausgewandert war, schon in den 1930er Jahren Stücke für elektronische Instrumente. Als Interpretin machte sich Clara Rockmore am frühen elektronischen Instrument Theremin einen Namen und erarbeitete mit dem Erfinder zahlreiche technische Verbesserungen. In Großbritannien wurde im Jahr 1958 der «Radiophonic Workshop» der BBC von der Komponistin und Erfinderin Daphne Oram mitgegründet. Oram arbeitete schon seit den 40er Jahren in elektronischen Studios und entwickelte 1957 ein technisches Kompositionsverfahren, genannt «Oramics», bei dem Bilder auf Filmstreifen in Klänge umgewandelt wurden. Ihre Kollegin Delia Derbyshire ist insbesondere dafür bekannt, dass sie die Titelmusik der Serie «Doktor Who» mit elektronischen Mitteln innerhalb des Radiophonic Workshops realisierte. 


Außerdem gilt Derbyshire als Vorreiterin der elektronischen Tanz- und Popmusik. In den USA experimentierte die Akkordeonistin und Komponistin Pauline Oliveros in den frühen 60er Jahren im «San Francisco Tape Music Center» mit den vielfältigen Möglichkeiten der Tonbandmusik. Die deutsch-kanadische Komponistin Hildegard Westerkamp arbeitete Mitte der 70er Jahre im Rahmen des «World Soundscape Project» um den Komponisten und Klangforscher R. Murray Schafer mit Field Recordings und Tonbändern und fand so ihren Weg zur elektronischen Komposition. Einige ihrer Arbeiten sind dezidiert feministisch, zudem bezieht sie Field Recordings aus aller Welt in ihre Kompositionen mit ein.


Gegenpol zum Mainstream


Eigentlich mangelt es also nicht an Akteurinnen in der elektronischen Musik. Doch die Verdienste und Aktivitäten von Frauen gehen häufig unter, wenn ihnen nicht ein besonderes Augenmerk gilt. Schon länger gibt es darum Bestrebungen, zusätzlich zum männlich dominierten Mainstream den Frauen zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. So fand bereits im Jahr 2010 am Gare du Nord in Basel das Festival «frau musica electronica» statt, das explizit Komponistinnen eine Plattform bot, die sich mit elektronischer Musik beschäftigen. Ebenfalls 2010 widmete sich das Berliner Festival «Wie es ihr gefällt» sowohl den Pionierinnen der elektronischen Musik als auch den Elektronikerinnen von heute. Im Rahmen des Festivals «Perspectives» 2013 bot das Netzwerk female:pressure nicht nur im Line-up einen Gegenpol zum vorherrschenden Mainstream, sondern diskutierte zusätzlich dazu die Situation der Frauen in der elektronischen Musik im Rahmen einer Konferenz. International, elektronisch und queer ging es beim Schweizer Festival «Les belles des nuits» zu, das im April 2014 in Istanbul stattfand. Nicht nur weibliche DJs wurden hier präsentiert, sondern es ging auch um darüber hinaus gehende Diversität, um das Spiel mit Geschlechterrollen, um Dresscodes und Dragqueens. 


So gut, wichtig und richtig es ist, dass es solche Festivals gibt, sollte darüber nicht vergessen werden, dass es sich hier nur um Vorstufen handeln kann. Das Fernziel muss weiter sein: fünfzig Prozent Frauen auf den Bühnen. Frauen an den Reglern als Normalität und nicht als das Besondere, das ewig andere Geschlecht. This is my utopia.

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