Homo-Hopper und Riot Grrrl Bands
erforschen 


Homo-Hopper und Riot Grrrl Bands
erforschen 


Luise Langenhan , 21.01.2015

Die Genderforschung ist ein junges Gebiet der Musik-
wissenschaften. Einer, der auf die Reflexion von Gender-
aspekten im Denken über 
Musik spezialisiert ist, ist Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt von der Universität Hildesheim.


Es gibt eigentlich keinen Text oder kein Seminar von Johannes Ismaiel-Wendt, in dem er nicht Gender-Aspekte oder Konstruktionen von Identitäten reflektiert. Im Interview erläutert er wie Musikwissenschaft unter Berücksichtigung des Gender-Paradigmas funktionieren kann.


Johannes Ismaiel-Wendt, inwiefern hat die Gender-Perspektive in Ihrer bisherigen akademischen Arbeit eine Rolle gespielt? 


Meine Ansätze, in Forschung wie Lehre, sind wesentlich durch postkoloniale Studien und Theorien geprägt. Fragen zu kultureller Repräsentation, imaginierten Gemeinschaften, ein Verständnis von dynamischen Identifikationen, statt fixen Identitäten, sind zentral. 


Manchem bin ich mit diesen kritischen Positionen schon auf die Nerven gegangen. Ein Statement von einem heteronorm denkenden Studenten, der sich wegen des «Genderismus» im Seminar «beinahe diskriminiert» fühlte, nehme ich als Qualitätsprädikat für meine Lehre wahr. Ich möchte mich hier aber nicht als jemanden darstellen, der immer auf der richtigen Seite steht. Ich musste auch schon erleben, dass mir in einem Seminar vorgehalten wurde, in typisch männlicher Weise heteronormen und trans*-diskriminierenden Perspektiven durch die Auswahl bestimmter Texte und die Einladung von bestimmten Forscherinnen zu viel Raum zu lassen. 


Was können wir in der Auseinandersetzung mit Musik über die Gender-Konstruktion lernen und anders herum? 


Musik und Gender-Konstruktionen werden Bedeutungen zugewie-
sen – sie sind gemacht. Es gibt ja
keinen Intervall, Akkord, Sound
oder Rhythmus, der von sich aus
beispielsweise auf Männlichkeit verweist. Interessant finde ich, um Ihre Frage nach dem gegenseitigen Erkenntnis- oder Erfahrungsgewinn aufzunehmen, die Anlage zur Möglichkeit des «Spiels» in beidem. Spiel und Improvisation, Neukontextualisierung, Dynamik, die performative Dimension etc., diese Aspekte sind vielen von uns in der Musik gut vertraut. Diese Beweglichkeit besteht grundsätzlich auch für Gender-Konstruktionen. 


Wie muss Musikwissenschaft verstanden und gestaltet werden, um sie mit den Perspektiven der Gender Studies zusammenführen zu können? 


Die Musikwissenschaften müssten sich zunächst selbst noch mehr mit Perspektiven diverser Gender Studies betrachten, bevor sie einfach nur ihre Inhalte mit Perspektiven der Gender Studies anfüllen. Mit einem breiten Blick auf die Auseinandersetzung mit Musik in den Akademien insgesamt lässt sich leider leicht und ohne großangelegte empirische Studie belegen, dass schon die Anmeldesituation, die Auswahlverfahren, die Stellenprofile eine wirkliche Heterogenität im Studium der Musiken und in der musikwissenschaftlichen Forschung unterdrücken. Die immer noch gegebenen Korrelationen zwischen einer bestimmten Musikinstrumentenwahl und Forschungsthemenwahl von sich als Frauen oder als Männer identifizierenden Personen bezeugt nicht gerade eine Dynamik. Insbesondere das Studium der Musik oder die Musikforschung sind nicht wirklich divers besetzt, sondern sie bleiben zum Beispiel in Bezug auf (soziale) Herkunft ziemlich exklusiv.


In Bezug auf Inhalte der Musikwissenschaften möchte ich zwei Aspekte nennen:


1. Ich unterstütze unbedingt Kirsten Reeses Forderung an die Musikwissenschaft, dass geschlechtsbezogene meist soziologische Forschung mit ästhetischen Fragestellungen zusammengebracht werden sollten. Ich suche immer noch nach Forschungsarbeiten, die nicht nur beispielsweise die Wahrnehmung von weiblichen Komponistinnen, DJs, Laptop-Performerinnen und Sound-Programmiererinnen einfordern, sondern genauso ernsthaft und absolut selbstverständlich deren Ästhetiken – Referenzen, Beats und Sounds – analysieren. 


2. Eine Musikwissenschaft, die Perspektiven der Gender Studies aufgreift, muss ihre Aufgabe im Sinne J. Jack Halberstams auch darin sehen, Archiv beispielsweise für queer-feministisch motivierte Musikproduktion zu sein. Und das sei in diesem Zusammenhang erwähnt: Wenn Ressourcen und Kapazitäten tatsächlich begrenzt sind, gehe ich davon aus, dass so etwas nicht einfach durch Integration in einen bestehenden Kanon geschieht, sondern dass dafür aktiv Platz geschaffen werden muss. Das kann bedeuten, dass vielleicht eine weitere Faksimileausgabe bestimmter, seit mindestens hundert Jahren toter europäischer Komponisten hinten angestellt werden muss, damit eine ähnliche Stilisierung in der Musikgeschichte für beispielsweise die Ästhetik oder Anti-Ästhetik einiger sich als Queer-feministisch verstehender Acts, von Homo*Hoppern oder auch Riot Grrrl Bands möglich wird.

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