Ein Fenster
 zu lokalen und
 globalen
 Musiktrends


Ein Fenster
 zu lokalen und
 globalen
 Musiktrends


Anja Wernicke , 25.02.2015

Das Norient Netzwerk gibt nicht nur auf seinem Blog spannende Einblicke in 
globalvernetzte lokale 
Musikkulturen. Zum sechsten Mal organisierte der Verein vom 15.-18. Januar auch ein Musikfilmfestival mit vielen Schweizer Premieren in Bern und St. Gallen.


Das kleine alternative Kino in der Reitschule Bern ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Zusammengewürfeltes Mobiliar, eine Bar am Eingang und eine aufgestellte Leinwand, auf die projiziert wird: der Charme des Improvisierten macht dieses Kino besonders. Das Publikum ist bunt gemischt, quer durch alle Altersgruppen. Über die vergangenen Jahre hat sich das Norient Musikfilm Festival einen Ruf erarbeitet, der ihm vorauseilt. Dank eines weltweiten Netzwerks, das der Norient-Leiter Thomas Burkhalter und sein Team (unter anderen die ehemalige FMD-Medienbeauftragte Theresa Beyer) zu Musikjournalist_innen und Musikethnolog_innen pflegen, stellt das Festival ein einzigartiges Fenster zu lokalen Musikszenen weltweit dar, die sonst auf dem Schweizer Musikmarkt nicht vorkommen. Aus 150 Filmen wurden elf Beiträge für die diesjährige Edition ausgesucht und neben dem Kino in der Reitschule Bern auch erstmalig in dem Konzert- und Diskussionslokal Palace in St. Gallen gezeigt. 


Bemerkenswert ist dabei die Frische und Aktualität der Sujets, manchmal auch ihre politische Brisanz. Klischees der Weltmusik werden hier auf allen Ebenen bewusst vermieden. Die Filme, die gezeigt werden, sind nicht primär für ein europäisches Publikum gemacht und leben nicht davon die «Andersartigkeit fremder Musikkulturen» zu strapazieren, sondern stellen reale musikalische Phänomene der örtlichen Gesellschaften dar. Dabei dreht es sich meist in erster Linie um die Musiker_innen und ihre Geschichten: von rasant aufgestiegenen Youtube-Stars über politisch verfolgte Heavy Metall Gruppen im Untergrund bis zu Strassenmusiker_innen.


Strassenmusik in Jakartas 
Bussen


Mit einem sehr nahen Blick, jedoch ohne Sozialromantik fängt der Film «Jalanan» das Leben von drei Strassenmusiker_innen in Jakarta ein. Über fünf Jahre begleitete der Regisseur Daniel Ziv Boni, Ho und Titi. Am Rande der sich rasant entwickelnden indonesischen Gesellschaft quetschen sich die drei mit ihren Gitarren in die überfüllten öffentlichen Busse. Eingezwängt im schmalen Mittelgang, an jeder Station die Angst im Nacken, es könne gleich ein Polizist auftauchen, singen und spielen sie lautstark ihre selbstgeschriebenen, gesellschaftskritischen Lieder. Dabei scheint ihnen kaum jemand wirklich zuhören zu wollen. Das verdiente Geld reicht gerade so zum Überleben. Einer von ihnen, Boni, hat es sich dank einer angezapften städtischen Wasserleitung gemeinsam mit seiner Frau unter einer Strassenbrücke fast «gemütlich» gemacht. Oben donnert der Verkehrslärm, unten liegt er in der Badewanne. Doch das anspruchslose, freie Leben von der Hand in den Mund wird in dem Film weder verherrlicht noch übermässig mitleidig gezeigt. Lebensfreude, Optimismus und Menschlichkeit stehen im Vordergrund und wie nebenbei wird das Porträt der indonesischen Hauptstadt unter dem Einfluss von Globalisierung und Korruption gezeichnet. 


Im Schleudersitz Richtung 

Abgrund


Entwicklungen ganz anderer Art lassen sich in dem Film «Kidd Life» von Andreas Johnsen verfolgen. Man sieht, wie der charismatische dänische Rapper Nicholas Westwood alias Kidd innerhalb eines Jahres ganz nach oben katapultiert wird und sogar bei den dänischen Musikawards auftritt. Und wie er gleichzeitig durch den überwältigenden Erfolg und eine exzessive Lebensweise in eine rasante Abwärtsspirale gerät. Als Hobby-Musiker stellte Kidd mit ein paar Freunden einen Song ins Netz, der ihn über Nacht in ganz Dänemark bekannt machte. «Kidd Life» zeigt aus nächster Nähe wie sich das raubtierartige Verhalten von Fans und Musikmarkt-Vertretern in Folge der plötzlichen Berühmtheit fatal auf den Künstler auswirken. Immer wieder sieht man, wie Kidd die Entwicklungen selbst kaum fassen kann und wie hilflos er auf die verschiedenen Angebote reagiert. Völlig unvorbereitet rennt er ins offene Messer des Musikbusiness.


Die Rap-porter aus dem 


Senegal


Dagegen wohl überlegt wirkt, was der senegalesische Rapper Xuman in seinem «Journal Rappé» rüberbringt. Mit einer starken politischen Botschaft, verpackt in bissige Satire wendet er sich einmal pro Woche in einer gerappten Nachrichtenshow an sein Publikum. Xuman war, wie viele der Filmemacher, beim Festival in Bern auch anwesend. Nicht nur an seinen Auftritt, eigentlich an jeden Film im Festival, liesse sich eine spannende Reportage anknüpfen. Die Neugierde auf aktuelle Musiktrends aus Nah und Fern jenseits des Mainstream hat auch die 6. Ausgabe des Norient Musikfilmfestivals gleichermassen gefüttert und genährt. Wer nicht bis zur nächsten Festivalausgabe 2016 warten will, kann unterdessen auf dem Norient-Blog seinen Appetit stillen: 


> www.norient.com

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