Liedermacherinnen wo seid ihr?


Liedermacherinnen wo seid ihr?


Friederike Kenneweg , 22.04.2015

«Ich wohne ime Schnäggehuus, mir fählt de Muet zum Läbe duss, well alls so chalt isch und so fremd. S'isch äng bi miir und nöd grad hell, ich schlaafe an're gschützte Schtell /und hoff, dass all in Rue mich lönd.» – Liedtext von Marianne Schauwecker


Nach einem musikalischen Abend auf einer Berliner Kleinkunstbühne betrachte ich die Plakatwände im dortigen Foyer. Von den bunten Bildern lächeln allerhand Künstler herab, die hier schon gespielt haben, und für ihre kommenden oder ihre längst vergangenen Bühnenprogramme werben. Doch etwas irritiert mich. Es dauerte einen Moment, bis ich erkenne, was es ist: in dieser gesammelten Ahnengalerie, die sich über den kompletten Flur erstreckt, ist Dota Kehr mit Band, vormals bekannt als die Kleingeldprinzessin, die einzige Frau, die ich finden kann. Verhalten sich denn andere Liedermacherinnen wie das lyrische Ich im Chanson «Us em Schnäggehuus» von Marianne Schauwecker? Oder wie lässt sich sonst erklären, dass sie an solchen Orten und in der öffentlichen Wahrnehmung so wenig präsent sind?


Wenige Leuchttürme


Ich beginne die Augen aufzuhalten nach Spuren von Liedermacherinnen in Zeitungen, Artikeln, auf Plakaten. Nach eingehender Recherche entdecke ich die Seite melodiva.de, ein Netzwerk für musizierende Frauen mit Sitz in Frankfurt am Main, das regelmäßig einen Newsletter mit neuen Platten, Tourdaten, mit Chancen, Ausschreibungen und Kooperationsanfragen rumschickt. Hier haben auch kleinere Veranstaltungen, Noch-Nicht-Berühmtheiten und Nischenprodukte einen Platz.


Sonst ragen aus den allgemeinen Nachrichten nur ein paar wenige Leuchttürme hervor. 


Sophie Hunger hat eine neue Platte gemacht und wirbt für ihre Tour im Sommer, es gibt sogar einen Artikel im Rolling Stone. Bernadette La Hengst ist es soeben gelungen, ihr neues Album über die Plattform startnext via Crowdfunding zu finanzieren. Die Wahlschweizerin Uta Köbernick tourt mit verschiedenen Programmen, heimst sogar Preise ein und ist immer mal wieder zu Gast im Schweizer Fernsehen. Und Dota tourt im Frühling und Sommer mal wieder ein bisschen mit ihrem deutsch-brasilianischen Gitarrenbossa durch Deutschland. Aber wo sind all die anderen hin? Was ist geschehen? Oder muss das schon reichen, weil es für mehr Frauen in der Szene keinen Platz gibt?


Haben Frauen weniger
zu sagen?


Bernadette La Hengst beklagt in ihrem Crowdfunding-Video die schlechte Situation von Musikern allgemein, die dazu führt, dass es zu einem Luxus wird, alle drei Jahre ein Album zu produzieren. Wie soll das dann gehen mit der Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung? Ich frage mich, ob das bedingungslose Grundeinkommen, für das La Hengst ganz nebenbei ebenfalls wirbt, umso mehr Frauen zum Liederschreiben animieren würde. Oder ist das Liedermacherinnen-Dasein einfach nicht attraktiv? Haben Frauen weniger zu sagen? Handelt es sich um ein strukturelles oder um ein Geldproblem? Lassen sich diese beiden Felder überhaupt voneinander trennen?


Im Rolling Stone ärgert sich Sophie Hunger über all ihre Freundinnen, die mit der Familiengründung trotz aller hehren Vorsätze zur 50/50-Aufteilung von Kind und Karriere doch zu hundert Prozent zu Hause bleiben. Das Leben auf Tour: eine Männerdomäne. Doch Hunger, die selbst vormacht, wie es geht, startet einen Aufruf: Ey, Frauen, fangt an, in diesen Berufen zu arbeiten! Tourmanagerinnen, Stagehands, Musikerinnen: Wir brauchen das! Möglicherweise ruft sie das deshalb, weil sie sich selbst in dieser Männerwelt unterdessen ein wenig einsam fühlt.


Derweil berichtet die Regenbogenpresse über den Sorgerechtsstreit, den Björk mit ihrem Ex-Partner Matthew Barney um ihre Tochter Isadora auszufechten hat. Der Grund: sie sei zu viel auf Reisen, das sei nicht gut für das Kind.


Wie aber schaffen wir Frauen es nun aus dem Schneckenhaus heraus und mit unseren Liedern auf die Kleinkunst – und auf die großen Bühnen dieser Welt? Marianne Schauweckers Lied gibt auch darauf die Antwort:


«Sicherheit isch Illusion, nume Braavsii monoton, mal öppis waage bringt vill meh, du wirsch es gseh! Sicherheit isch Illusion, find de Muet zum eigne Ton und mach der druus en eigni Melodie!»

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