Abseits vom 
Mainstream Texte komponieren 
Vita


Abseits vom 
Mainstream Texte komponieren 
Vita


Anja Wernicke , 24.06.2015

Die Komponistin Annette Schmucki hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Sprache und Musik beschäftigt. In 
diesem Jahr ist sie für den Schweizer Musikpreis 
nominiert.


Wir tun es Tag für Tag, selbstverständlich, fast gedankenlos automatisiert: sprechen. Wir hören das Wort «Baum» und wissen was gemeint ist. Oder doch nicht? Laubbaum oder Nadelbaum? Klein oder gross? Dick oder dünn? Unsere Alltagssprache gibt oft vor absolut zu sein und ist gleichzeitig doch sehr unpräzis. Diese Überlegungen gehen der Kompositionsarbeit von Annette Schmucki voraus. Sie sagt: «Sprache ist eine scharfe Unschärfe und Musik ist eine unscharfe Schärfe». Damit meint sie, dass Musik zwar im Unterschied zur Sprache begriffslos ist, aber in ihrem Ausdruck trotzdem den Nagel auf den Kopf treffen kann. Eine Sprache, die man zunächst mal lernen muss und die zudem ständig im Wandel ist, hat nicht die unmittelbare Wirkung von Musik, auch wenn diese von Prägung und Einstellung des Hörenden abhängt. 


Im Dazwischen der Wörter


Sprache wird bei Schmucki zur Musik: Wie mit einer feinen Pinzette seziert die Komponistin in ihren Stücken die alltägliche Handlung des Sprechens und komponiert die Einzelteile zu einem neuen, «klingenden Text». Die Arbeit an der Grenze zwischen Musik und Sprache, das Vexierspiel zwischen Sprachrhythmus und -melodie sowie einem unterschwelligen Bedeutungschaos ist zu ihrem Markenzeichen geworden. In ihrem neuesten Projekt führt sie diese Auseinandersetzung ins Extreme. Denn dabei wird es nicht mal mehr ein klangliches Produkt geben, sondern ganz allein einen Text, durch den beim Lesen die Musik einzig im Kopf entsteht. Schmucki plant dabei keine lineare, narrative Geschichte zu schreiben und möchte auch keine Lautpoesie erschaffen. Vielmehr interessiert sie sich für assoziative Wort-Listen und was zwischen zwei Wörtern passiert, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. 


Zeit aushebeln 


Auch in den Hörstücken, die sie mit Reto Friedmann, einem ursprünglichen Radio-Journalist unter dem Kollektiv-Namen blablabor entwirft, geht es um eine solche Musik-Sprach-Forschung. Hört man auf der Website (www.blablabor.ch) in die Werke hinein, kommt einem ein Kauderwelsch von unverständlichen, übereinandergeschichteten Sprachen entgegen, das eine mehrdimensionale Musik entstehen lässt. Rhythmen und Strukturen werden so übereinander gebaut, dass der Sinn der Worte nur wie ein schimmernder Schleier wirkt. In diesem Flackern liegt die Poesie der Werke von Schmucki, die wie in einem unbestimmten Dazwischen entsteht. Auch in ihrem jüngsten Instrumentalstück Ein Tag, das vom Absolut Trio (Bettina Boller, Violine; Judith Gerster, Violoncello; Stefka Perifanova, Klavier) und der Sopranistin Eva Nievergelt Anfang des Jahres uraufgeführt wurde, geht es eben um ein Dazwischen. Das Stück arbeitet mit Strukturen von Gezeiten. Beim Hören wirkt es wie ein Rad, dass ab und an ins Rollen kommt und dann doch plötzlich wieder stillsteht. Schmucki interessierte beim Komponieren die Musik als Zeitmedium und der Versuch die Wahrnehmung von Zeit zu verändern. Ihre Kompositionen sind abstrakt. Übergriffige Musik, die Stimmungen aufzwingt wie die von Richard Wagner oder auch von Popsongs, die einen sofort zum Weinen bringen, sind ihr suspekt. Sie möchte es lieber den RezipientInnen überlassen, was sie in ihre Musik hineinlesen. 


Annette Schmucki wurde 1968 geboren und studierte Komposition bei Cornelius Schwehr und bei Mathias Spahlinger in Freiburg im Breisgau. Renommierte Ensembles und Festivals gaben bei ihr Werke in Auftrag, wie das Archipel, Collegium Novum Zürich, Ensemble Contrechamps, Lucerne Festival, Ensemble Recherche, Staatsoper Berlin, Tage für Neue Musik Zürich, Usine Sonore, Neue Vocalsolisten Stuttgart, WDR, Wien Modern, Wittener Tage für Neue Kammermusik.


ForumMusikDiversität

Präsidentinnen (Co-Präsidium)
Dr. Christine Fischer und Daniel Lienhard
praesidentin@musicdiversity.ch

Vorstand
Katrin Boesiger, Anna Fintelmann, Christine Fischer, Daniel Lienhard, Stefan Meier, Anmari Willi

Redaktion
Christine Fischer
cfischer@musicdiversity.ch

Geschäftsstelle
info@musicdiversity.ch

Postadresse
ForumMusikDiversität
Postfach
CH - 4001 Basel

Website
www.musicdiversity.ch