Musikalische
 Vorboten einer
neuen Welt


Musikalische
 Vorboten einer
neuen Welt


20.01.2016

Weltmusik mit ihren Klischees fremder Kulturen war gestern. Heute produzieren MusikerInnen weltweit in ihren Heimstudio eigene Songs. Den Überblick zu behalten ist schier unmöglich. Das hier vorgestellte Buch Seismographic Sounds leistet Abhilfe.


Anja Wernicke — Ein Seismograph misst Erschütterungen. Was als kleine, aufgezeichnete Welle beginnt, kann schon mal einen kolossalen Erdrutsch nach sich ziehen. Das Netzwerk Norient ist seit Jahren dafür bekannt, weltweit ein Ohr an solche musikalischen Epizentren zu legen. Seinen Sitz hat der Verein in Bern. Thomas Burkhalter, Theresa Beyer und Hannes Liechti stellen nicht nur auf ihrem Internetblog regelmässig neue Trends vor, die sie dank einem über viele Jahre gewachsenen, internationalen Netzwerk aufstöbern. Mit ihrem jüngsten Projekt, der Ausstellung Seismographic Sounds, die aktuell bei der Clubtransmediale in Berlin zu sehen ist und dem dazugehörigen, gleichnamigen Buch, liefern sie eine schnappschussartige Bestandsaufnahme aktueller künstlerischer Positionen jenseits des Mainstreams. Angelegt ist das Buch als eine Art Prophezeiung. Der Tenor: in Zukunft werden nicht mehr nur die europäischen und US-amerikanischen Produzenten den Musikmarkt bestimmen, sondern auch die Songs asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer MusikerInnen die Charts und Bühnen beherrschen. Popkulturelle Strömungen werden dabei ebenso ins Feld geführt wie experimentellere Klänge.


Diverse und multidimensionale Gegenwart


Doch so lange das noch weitestgehend Zukunftsmusik ist, finden sich in Seismographic Sounds vor allem Nischen-Betrachtungen. Ausgangspunkt war für Thomas Burkhalter – wie er im SRF2 Kultur Interview erklärt – die Tatsache, dass bei musikethnologischen Konferenzen meistens Musikgenres besprochen werden, die längst Schnee von gestern sind. Also rief er mit seinen KollegInnen das Netzwerk auf, aktuelle Video-Clips einzusenden. Nach der Durchsicht von über 2000 Links kristallisierten sich sechs Themenfelder heraus, nach denen die Ausstellung sowie das Buch strukturiert sind: Belonging, Desire, Exotica, Lonliness, Money und War. Innerhalb dieser Felder hat die Beschreibung kurioser Trends ebenso Platz wie kritische Betrachtungen von Marktmechanismen. In Summe sind Beiträge von insgesamt 250 WissenschaftlerInnen, JournalistInnen, BloggerInnen und MusikerInnen aus 50 Ländern vertreten. «Jenseits von Kommerz, Propaganda, Fanatismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie» wird so laut den MacherInnen «eine diverse und multi-dimensionale Gegenwart» gezeichnet. 


Neue Identitäten


Sicher ist die Feststellung, dass Multikulturalität speziell in den westlichen Gesellschaften längst zum Bestandteil des täglichen Lebens geworden ist, keine Neuheit mehr. Genau darin liegt jedoch eine besondere Herausforderung wie aus dem Interview von Thomas Burkhalter mit Martin Stokes (Musikprofessor am King’s College in London) hervorgeht. Letzterer gibt zu, dass Multikulturalität heute im Grunde banal geworden ist und genau deshalb rassistische und Gender-Stereotypen tiefer sitzen und schwieriger zu ändern sind. Eine die sich vorgenommen hat genau das zu ändern ist Bishi Bhattacharya. Sie lässt indische und britische Attribute sowohl im Musikalischen als auch im Visuellen aufeinander prallen. «I’m Indian in skin, but English of heart» singt sie auf dem 2012 erschienen Album Albion voice und möchte damit nichts weniger als die britische Identität neu definieren. Ein Beispiel für die Neubestimmung von Gender-Rollen ist «The Queer Star of Swedish Hip Hop» Silvana Imam, deren Lyrics ebenso feministische Messages wie arabische Ausdrücke enthält und die ihre «Revolution» von Stockholm nach Saudi Arabien bringen möchte. Ebenfalls feministisch scheinen auf den ersten Blick auch die nigerianischen Sängerinnen Yemi Alade und Temi DollFace zu sein. Sie erklären in ihren Songs augenzwinkernd wie frau mit ihr überdrüssig gewordenen oder untreuen Männern kurzen Prozess macht. Ist die Emanzipation damit auch in Afrika angekommen? Aus europäischer Sicht lässt sich dieser Kurzschluss schnell herstellen. Emma Daribi mahnt jedoch in ihrem Beitrag, dass diese selbstbewussten Songs in Wirklichkeit auf gesellschaftliche Freiheiten zurückgehen, die afrikanische Frauen bereits vor der Kolonialisierung hatten. Mit Verweis auf die Yoruba-Forscherin Oyeronke Oyewumi legt sie dar, wie sich die Stellung der Frau durch die Übernahme der westlichen Hierarchie-Standards überhaupt erst verschlechtert hatte. So lässt der Norient-Seismograph die LeserInnen mit den Messausschlägen nicht allein. Er kontextualisiert, lässt die MusikerInnen selbst zu Wort zu kommen und bietet einen überaus spannenden Einblick in künstlerische Ausdrucksweisen, Quellen und Netzwerke.


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