«Etwas noch nie Geschautes»

«Etwas noch nie Geschautes»

24.08.2016

Das Lucerne Festival «PrimaDonna» setzt Zeichen für Frauen im Klassischen Musikbetrieb: mit Olga Neuwirth als Composer in Residence, Aufträgen an Komponistinnen und zahlreichen Dirigentinnen.

Christine Fischer — Die meisten wissen, dass sie existieren. Nur zu Gesicht bekommt man sie äusserst selten: Dirigentinnen im klassischen Musikbetrieb. Von «etwas noch nie Geschautem» war 1549 die Rede, als das erste Exemplar eines Elefanten in Europa eintraf und seine Tour durch die Höfe und Städte des Kontinents begann. Und ein wenig von der Aura des Zurschaustellens einer exotischen Kostbarkeit hatte die Dirigentinnen-Parade, die dieses Jahr mit bester Absicht den Erlebnistag des Lucerne Festivals prägte.

Diversität auf höchstem Niveau

Beeindruckende Diversität bot dieser Sonntag mit seinen sechs Konzerten: Musik vom 18. bis 21. Jahrhundert, mit Jazzeinflüssen, mitreissender Volkstümlichkeit, trunkener Melodiösität bis hin zur völligen Klangabstraktion – komponiert von Männern und Frauen zu nahezu gleichen Teilen. Und auf dem wohl bisher prominentesten Podium, das sich explizit ihnen widmete: die Dirigentinnen Mirga Gražinytė-Tyla, Konstantia Gourzi, Elena Schwarz, Anu Tali und Maria Schneider. Der Eindruck, den sie vor nahezu ausverkauften Sälen hinterliessen, war überwältigend:

Die Seelenlandschft, die Tyla in De profundis ihrer Landsfrau Raminta Serksnyte zeichnete und mit einer konzis beherrschten und dennoch überraschenden Beethoven’schen Pastoralsinfonie ergänzte beeindruckte ebenso wie die One-woman-Show von Gourzi, die als Dirigentin, Komponistin und Moderatorin ihr Auftragswerk zwischen Klangfragmenten und Melodien eines Xenakis, Nørgård und Ligeti genial einbettete. Schwarz widmete sich der Komplexität und rigorosen Sozialkritik der Partituren Neuwirths souverän und hingebungsvoll, während Anu Tali mit Eduard Tubin und Prokofjew schwungvoll ihre musikalische Eigenwilligkeit unter Beweis stellte. Gemeinsam mit der zarten Poesie einer Yulianna Avdeeva am Flügel schuf sie Momente selten gehörter Innigkeit in Chopins Erstem Klavierkonzert, bevor Maria Schneider mit ihren Kompositionen für Frauenstimmen, Jazztrio und Orchester den amerikanischen mittleren Westen vergegenwärtigte. Etwas gegen dieses Niveau versetzt wirkte die «musikalische Leitung» Arabella Steinachers in den Vivaldi'schen Vier Jahreszeiten, die zwar mit stahlsaitenen Klangbildern zu beeindrucken vermochte, sich der barocken Violin-Direktionskultur und rhythmischen Eindrücklichkeit des Stücks mit kaum hörbarem Cembalo aber nur in Ansätzen zu nähern vermochte.

Geschäftigkeit unter der gläsernen Decke oder Durchbruch?

Eindrücke, die einen gleichzeitig beflügeln, aber auch etwas ratlos zurücklassen. Denn Lücken wies das Programm in all seiner Vielfalt dennoch auf: Mit Serksnytes 1998 entstandenem Werk als ältester Komposition einer Frau blieben die Komponistinnen einmal mehr ein geschichtsloses Phänomen der Gegenwart – was sie ebenso wie die Dirigentinnen nicht im Entferntesten sind. Und ob mit dem schlagkräftigen aber inhaltlich etwas verschobenem Titel «PrimaDonna» nicht Assoziationen in den Vordergrund treten, die es im Sinne der Frauenförderung gerade zu umgehen hiesse, bliebe Gegenstand der Diskussion. Dennoch: Sie zeigten sich einem grossen und begeisterungsfähigen Publikum. Und glaubt man den Worten des Festivalintendanten Michael Haefliger im Diskussionspanel bedeutet diese Saison den Durchbruch für Frauen am Luzerner Festivalpult: «Der Knoten ist geplatzt!» verkündete er und legte sich auf eine Wiederkehr mehrerer Dirigentinnen in den kommenden Jahren fest. Also mehr als das geschäftige Errichten eines Reservats, in das man die Damen einquartiert, da in der freien Wildbahn die Lebensbedingungen zu hart sind? Doch auch die Bedingungen «draussen» bessern sich langsam. Die gläserne Decke, die nicht nur in der Musik den Aufstieg von Frauen in Spitzenpositionen verhindert, bekommt Löcher. Und wenn es dazu tatsächlich Veranstaltungen braucht, die das Geschlecht zum Alleinstellungsmerkmal erheben, dann mag – zumindest auf diesem beeindruckenden Niveau – der Zweck die Mittel heiligen. Man darf gespannt bleiben. Und sollte Haefliger an seinen eigenen Worten messen.

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