Neue alte  Ungleichheit

Neue alte Ungleichheit

12.01.2017

2016 veröffentlichte der deutsche Kulturrat die umfangreiche Studie Frauen in Kultur und Medien. Auch im Nachbarland Frankreich werden regelmässig ähnliche Berichte präsentiert. Und in der Schweiz?

Christine Fischer — Gewichtig kommt er daher, der Band, den der deutsche Kulturrat vorigen Sommer präsentierte: Frauen in Kultur und Medien bietet auf 490 Seiten eine profunde Analyse der Stellung von Frauen (und Männern) im deutschen Kulturbetrieb. Ausführliche Statistiken werden ergänzt von Befunden zur Gesetzeslage, von einem Abriss zum aktuellen Forschungsstand und von der Auswertung von 12 Interviews mit Frauen aus dem Kultursektor. Besonders ihre Ausrichtung als Verlaufsbericht über 20 Jahre macht die Studie zum ungemein wertvollen, wissenschaftlich und statistisch fundierten Beitrag zur europaweit immer noch virulenten Frage: Wo sind die Frauen im Kulturleben?

Wandel und Stagnation

Vieles hat sich seit Beginn der Aufzeichnungen 1994 gewandelt: Die weibliche Quote unter den Studierenden in Komposition (aktuell 32% Frauen) und Dirigieren (aktuell 41% Frauen) ist stark angestiegen; neue Sorgenkinder sind die Studiengänge Jazz und Popularmusik sowie Tontechnik und der Frauen-Anteil im Berufsleben, auch in Forschung und Lehre. Die Sinfonieorchester sind im Schnitt zu mehr als 50% weiblich besetzt; und die Gesetzgebung zur 30%-Quote in Gremien und Aufsichtsräten zeigt, gerade in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, deutliche Auswirkungen.

Geblieben sind: Blanke 0% Frauen unter Tubistinnen beim Deutschen Musikwettbewerb 2016 (84% in Gesang), unter den TeilnehmerInnen am Dirigentenforum 2016 (zuvor bis zu 16%), unter den Chefdirigenten (0,1% Orchesterleiterinnen und 7% Orchestervorstände machen auch nicht froh, alles Stand 2014) und unter den aufgeführten Operettenkomponisten (7% der aufgeführten Opern, 15% der Opern-Uraufführungen und 2% der aufgeführten Musicals stammen aus der Feder von Frauen); sowie erhebliche Lohnunterschiede in der Musik allgemein, wo Frauen in «Männerberufen» zudem weniger, Männer in «Frauenberufen», wie z.B. der Musikpädagogik, dagegen mehr verdienen als das andere Geschlecht.

Diversität und Institutionenkritik

Das überrascht nicht wirklich, aber die beeindruckende Dokumentationsbreite führt zu neuerlicher Präsenz der Erkenntnis, dass in keiner Kultursparte die Geschlechterunterschiede so gross sind wie in der Musik. Und zur Empfehlung, dass sich die Aktionsfelder für klingende Chancengleichheit neu definieren müssen: auf andere Fächer und neue Sparten in den Musikhochschulen und weg von der Ausbildung hin zur Berufsausübung. Strukturen an Institutionen und in der Wirtschaft, Wechselwirkungen mit Einflussfaktoren wie Herkunft, Alter und Musiksparte, und weniger Fallanalysen einzelner Frauen, die es «dennoch geschafft haben», sind demnach vielversprechender Untersuchungsgegenstand.

Où sont les femmes?

Ebenfalls 2016 veröffentlichte die französische Societé des auteurs et compositeurs dramatiques ihr aktuellstes (kurzes) Dossier zur Stellung der Frau in den Orchestern und Theatern des Landes für die Jahre 2012–2017 («Où sont les femmes? Toujours pas là!», in: SACD. Le Magazine (Herbst 2016), 6–9). Da sieht es «dramatischer» aus bei der Besetzung der Orchester, mit Frauenquoten zwischen 7 und 12%; ungefähr gleich, was die Dirigate von Frauen betrifft; und besser, was Autorinnen an Opernhäusern angeht, beispielsweise mit einer Quote von 31% in Lille. Gerade in einem Bereich, in dem mentale Geschlechterbilder eine grosse Rolle spielen, scheinen sich Mentalitätsunterschiede niederzuschlagen – und solche in der nationalen Gesetzgebung.

Wieder die Sonderrolle?

Da stellt sich die berechtigte Frage nach der Situation in der Schweiz, einem Land mit speziellem Verhältnis zur europäischen Union, das als letztes in Mitteleuropa Frauen an die Wahlurnen liess und als eines der ersten die Universitäten für weibliche Studierende öffnete. Statistische Materialien zu Geschlechteranteilen im Musikleben sind bisher wenig spezifisch und nicht aufgearbeitet. Möglicherweise sind hier wie in den Nachbarländern Verbände des Musiklebens gefragt, profunde Grundlagen zur Empfehlung politischer Massnahmen zu erarbeiten. Jedenfalls wäre es an der Zeit.

ForumMusikDiversität

Präsidentinnen (Co-Präsidium)
Dr. Christine Fischer und Daniel Lienhard
praesidentin@musicdiversity.ch

Vorstand
Katrin Boesiger, Anna Fintelmann, Christine Fischer, Daniel Lienhard, Stefan Meier, Anmari Willi

Redaktion
Christine Fischer
cfischer@musicdiversity.ch

Geschäftsstelle
info@musicdiversity.ch

Postadresse
ForumMusikDiversität
Postfach
CH - 4001 Basel

Website
www.musicdiversity.ch