Vier Hörner als Eindringlinge im Wald

Vier Hörner als Eindringlinge im Wald

15.05.2017

Eine erfolgreiche Komponistin, die Horn studiert hat, ein Stardirigent, der ehemals Hornist war, und vier hervorragende SolistInnen: eine perfekte Ausgangslage, um ein neues Werk für vier Hörner und Orchester aus der Taufe zu heben.

Daniel Lienhard — Das Konzert für vier Hörner und Orchester Forest der britischen Komponistin Tansy Davies wurde vom Philharmonia Orchestra London, den New Yorker Philharmonikern und dem Festival Warschauer Herbst gemeinsam in Auftrag gegeben. Die Hoffnung war gross, dass einem neuen Standardwerk des Repertoires für vier Hörner und Orchester, bisher dominiert von Robert Schumanns Konzertstück op. 86 aus dem Jahr 1849, in Basingstoke und London am 21. und 23. Februar 2017 zur Uraufführung verholfen wird. Dass das Resultat nicht ganz den Erwartungen entsprach, lag am allerwenigsten an den vier bravourösen SolistInnen Richard Watkins, Katy Woolley, Nigel Black und Michael Thompson, alle aktuelle oder ehemalige SolohornistInnen des Philharmonia Orchestra.

Der Wald als Allegorie für die Welt

Im kompositorischen Konzept von Tansy Davies sind die Hörner das menschliche Element in der Welt des Waldes, der auch als Allegorie für die Welt als Ganzes gesehen werden kann. Während die Streicher – etwas vereinfacht ausgedrückt – für die Pflanzenwelt, die Holzbläser für die Tierwelt und die tiefen Blechbläser für den Schatten stehen, sind die Hörner arrogante Eindringlinge, die sich mit aggressiven Fanfaren in den Vordergrund drängen. Wohl nur zum Teil von der Komponistin beabsichtigt, verfingen sich die SolistInnen jedoch schon bald in Unterholz und Gestrüpp und waren gelegentlich nicht zu hören. Im weiteren Verlauf des Stücks scheinen die Hörner mit der Natur vereint und entfalten dann ihr ganzes Repertoire an interessanten Harmonien, durchsetzt auch mit «falschen» Naturtönen, sind dabei allerdings wiederum des Öfteren von Blattwerk und Vogelgezwitscher verdeckt. Der Moment, in dem die SolistInnen ganz allein spielen – eine Art Kadenz wie in einem klassischen Solokonzert – zählt ohne Zweifel zu den Höhepunkten des Werks. Die «arrogante» Stimmung des Beginns kommt anschliessend wieder auf und beendet die vermeintliche Harmonie von Mensch und Natur.

Erstaunliche Orientierung an der romantischen Tradition

Die Uraufführung mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen erhielt grossen Beifall. Ein gewisses Erstaunen und leises Bedauern bleibt beim kritischen Zuhörer darüber, dass eine Komponistin mit Sympathien für Funk und Rock sich bei einem Werk für Hörner so stark an der romantischen Tradition des Instruments orientiert. Die HornistInnen wären Tansy Davies möglicherweise für ein Stück dankbar gewesen, das die Hörner auch stilistisch in neue Sphären führt.

Grosse Erfolge mit Werken in unterschiedlichster Besetzung

Die 1973 geborene Tansy Davies studierte Horn, E-Gitarre und Gesang sowie später Komposition bei Simon Bainbridge und Simon Holt. Ein erster grosser Erfolg war im Jahr 2004 ihr dynamisches Stück Neon für 7 Spieler, das sich im internationalen Repertoire der Neue Musik-Ensembles etablieren konnte. Neben zahlreichen weiteren Ensemble-, Kammermusik- und Vokalwerken entstanden auch mehrere Stücke für grosse Besetzung, die von führenden britischen Orchestern uraufgeführt wurden. Ihre Oper Between Worlds von 2014 wurde «als eines der entscheidenden Musiktheaterwerke unserer Zeit» bezeichnet (Stephen Pettitt, Opera). Besonders originell ist ihr kurzes Werk Re-greening für grosses singendes Orchester ohne DirigentIn, das vom National Youth Orchestra of Great Britain uraufgeführt wurde. Auf YouTube kann man die eindrückliche Aufführung bei den Londoner Proms 2015 nachhören.

Tansy Davies wurde 2015 in der «Progress 1000»-Liste des Evening Standard der einflussreichsten Persönlichkeiten in Grossbritannien aufgeführt. Sie ist heute Professorin für Komposition an der Londoner Royal Academy of Music.

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