Netzwerke für  musikalische  Chancengleichheit

Netzwerke für musikalische Chancengleichheit

16.05.2018

Studien haben es immer wieder gezeigt: Gerade der Jazz- und Popularmusik­bereich ist vom Zustand der Gendergerechtigkeit immer noch weit entfernt. Was dagegen helfen kann? Netzwerken!

Friederike Kenneweg — Die Musikerin Susanne Kirchmayr aus Wien, auch bekannt als Electric Indigo, ergriff im Jahr 1998 die Initiative. Als Frau, die als DJ ihr Geld verdient, wurde sie oft auf diese Sonderrolle angesprochen. Sie verwies dann auf all die Kolleginnen, die es doch in großer Zahl gebe, trotz der grundsätzlichen männlichen Dominanz in diesem Bereich. Irgendwann wurde sie müde, zu später Stunde in finsteren Clubs unter schwierigen akustischen Verhältnissen unvollständige Aufzählungen von Künstlerinnen zu improvisieren – und sie beschloss, eine öffentliche Liste im Internet anzulegen.

female:pressure

So entstand das Netzwerk female:pressure. Seit nunmehr 20 Jahren können sich DJs, Musikerinnen, Visual Artists, Komponistinnen und Journalistinnen, die im Musikbereich arbeiten, unter femalepressure.net auf einer Datenbank eintragen. Wer die Seite besucht, bekommt einen «randomly featured artist» präsentiert und kann auf diese Weise vom Zufall gesteuert neue Künstlerinnen kennen lernen. Doch die Datenbank, die unterdessen Einträge aus aller Welt enthält, ermöglicht auch die ­gezielte Suche nach Künstlerinnen, gefiltert nach Tätigkeitsbereich, ­Region, Namen oder Genre. female:pressure macht so Musike­rinnen im Netz sichtbar, auch für Veranstalterinnen und Veran­stalter.

Sichtbar werden

Darüber hinaus untersucht das Netzwerk den Frauenanteil in Line-ups von Festivals, Veröffentlichungen von Plattenlabels und den Top 100 Listen des Musikbusiness und gibt die Ergebnisse als Pressemeldung heraus. Auch wenn die sogenannte «FACTS Study 2017» zumindest bei den Festival Line-Ups einen leicht positiven Trend erkennen ließ: Noch immer sind es nur 15% Frauen, die von den Veranstalterinnen und Veranstaltern gebucht werden, und auf der Bühne als Role-Models für andere Künstlerinnen sichtbar werden.

SOFIA

Um Ausbildung und Empowerment von Musikerinnen geht es der Saxophonistin Nicole Johänntgen mit dem Förderprogramm SOFIA (Support Of Female Improvising Artists). Johänntgen profitierte selbst vom Ausbildungsprogramm Sisters in Jazz, das es bis 2008 in den USA gab. So reiste sie im Jahr 2003 über den großen Teich und konnte dort nicht nur viel lernen, sondern auch Kontakte in der internationalen Jazz-Szene knüpfen. 2013 beschloss sie, selbst etwas von ihrem Wissen weiterzugeben, und gründete zusammen mit dem Geschäftsleiter des Zürcher Jazzclub Moods, Claudio Cappellari, SOFIA. Das Konzept: Sechs ausgewählte Musikerinnen nehmen an Workshops rund um das Musikmachen teil und musizieren zusammen. Um die Teilnehmerinnen auf die besonderen Anforderungen an Frauen im Musikbusiness vorzubereiten, stehen auch Netzwerken, Selbstorganisation und Selbstvermarktung auf dem Programm.

Frühe Erfolge

Gleich nach dem ersten Anlauf im Jahr 2014 gründeten vier Teilnehmerinnen aus Lichtenstein, Frankreich und Deutschland das Jazzquartett «Nebuleuse», das bis heute zusammen Auftritte bestreitet und im Jahr 2016 schon eine gemeinsame EP veröffentlichte. Wenn sich die Finanzierung sichern lässt, wird es mit dem SOFIA auch in den nächsten Jahren weiter gehen und damit das für Johänntgen Essentielle am Netzwerken praktiziert: sich gegenseitig zu ermutigen, immer weiter zu machen. Zu sagen «Ja, das geht.» Und sich gegenseitig immer wieder neu aufzuzeigen, wie es weiter gehen kann auf dem Weg zu mehr Gendergerechtigkeit.

Eine Bewusstseinsfrage

«Eigentlich ist alles eine Bewusstseinsfrage», sagt Johänntgen. «Wenn ich Festivalleiterin wäre, dann müsste ich mich fragen: Wen gibt es alles da draussen? Und wenn ich zu wenig Frauen finde, muss ich noch mehr suchen und Kolleginnen und Bekannte fragen, die Tipps geben. Ich muss den Willen haben und aufmerksam sein und einen Rahmen schaffen in dem es allen wohl ist. Jeder Mensch kann das zumindest versuchen: achtsam zu sein in Sprache, Denken und Handeln.»

> www.femalepressure.net

> www.sofia-musicnetwork.com

> www.nebuleuseband.com

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