Warten  auf #methree ?

Warten auf #methree ?

22.08.2018

Trotz prominenter #metoo-Fälle im klassischen Musikbetrieb, lässt sich das ganze Ausmass einer Kultur des Sexismus bisher womöglich nur erahnen.

Christine Fischer — Nicht mehr lange und #metoo feiert Jahrestag. Auch im Klassikbetrieb waren Erschütterungen spürbar: Mit James Levine an der Met in New York, Daniele Gatti am Amsterdamer Concertgebouw sowie Charles Dutoit beim Londoner Royal Philharmonic Orchestra gab es Rücktritte und Entlassungen prominenter Dirigenten aufgrund von Berichten über sexuelle Übergriffe und Nötigungen. Trotz der Tragweite der Einzelfälle, zu denen auch noch diejenigen der Knabenchöre in Regensburg, Leipzig und Wien hinzuzufügen sind, scheinen es bisher eher zarte Pflänzchen zu sein, die der gesellschaftliche Klimawandel im Klassikbetrieb treibt – der Verdacht auf eine in Teilen grundlegend sexistische Unkultur im hehren Kulturbetrieb verdichtet sich.

Blick in die Vergangenheit

Ein Blick in die Historie offenbart Vergleichbares: Der opernbewanderte Vater der Sängerin und Komponistin Barbara Strozzi (1619–1677) bot die Tochter, vierfache Mutter unehelicher Kinder, aus Karrieregründen womöglich als musikalische Amüsierdame feil.

Die Sopranistin Giuseppina Strepponi hatte mindestens drei uneheliche Kinder, davon legitimierte zwei der Impresario Camillo Cirelli. Später, als Ehefrau Giuseppe Verdis, wurde sie vom Komponisten betrogen. Für die junge – Sie ahnen es – Sängerin, schrieb Verdi eigens Rollen.

Die aus Wil stammende Opernsängerin Anna Sutter wurde 1910 erschossen. Der Täter: Kapellmeister Aloys Obrist, der nach einer kurzen Affäre nicht mit dem Laufpass umgehen konnte, den ihm die Mutter zweier unehelicher Kinder gegeben hatte. Die Liste liesse sich fortsetzen.

Kulturen der Sexualisierung

Vorstellungen von Ehe, Liebe, Sexualität und musikalisch professionellem Verhalten wandeln sich permanent und damit auch die Einschätzung, wann Annäherungen als übergriffig empfunden werden. Doch in einem jahrhundertealten, auch geschlechtlich geprägten Machtgefälle des Klassikbetriebs scheint sich der Ausdruck enormer Abhängigkeiten nicht nur in Ausnahmefällen sexualisiert zu haben. In einem hart umkämpften Berufsfeld, in dem privateste Empfindung und Profession Hand in Hand gehen, womöglich umso deutlicher.

Gebrochenes Schweigen

Erahnen lässt sich das beispielsweise anhand von über 700 schwedischen Opernsängerinnen, die gemeinsam gegen eine Kultur des Sexismus in ihrem Arbeitsumfeld vorgehen (#visjungerut). Oder mit der Offenheit der Sopranistin Susanne Mentzer: «Ich habe nicht genug Finger, um zu zählen, wie oft man sich mir gegen meinen Willen sexuell angenähert hat» (Huffington Post). Auch die Geigerin Hye Won Cecilia Lee berichtet: «In der Welt der klassischen Musik ist das leider nichts Aussergewöhnliches. ... Es ist so verbreitet.» Wie bei Mentzer bleiben die Täter, die bei Ablehnungen auf weitere Zusammenarbeit verzichteten, in diesen und weiteren Schilderungen konkreter Fälle anonymisiert (www.ludwig-van.com).

Mitläufer und Täter

Besonders glaubhaft wird eine sexistisch geprägte Klassikkultur, wenn Mitläufer und Täter zu reden beginnen: Wie der Komponist Kenji Bunch, der sich öffentlich entschuldigte als Mann, «der ein Komplize dabei war, die grausame frauenfeindliche Dynamik unserer Kultur verlängert zu haben.» Er sieht sich in der Rolle des «rückgratlosen Ermöglichers, der mit dem entsetzlichen Mann mitgekichert hat», mit dem «älteren, verehrten Lehrer, dem mächtigen Intendanten, mit erfolgreichen Musikern, ... Dirigenten, Professoren, Kollegen» (http://slippedisc.com).

Laut dem inzwischen wegen sexueller Nötigung im Zusammenhang mit Bewerbungen mehrfach verurteilten ehemaligen Hochschulleiter Siegfried Mauser ist der Satz «Wir müssen uns treffen, wir müssen miteinander schlafen» in der Branche nicht aussergewöhnlich. Zudem habe er selbst eindeutige Erfahrungen gemacht, als er ein Testat von seinem Gesangslehrer benötigte. Eine Unkultur verlängert sich selbst.

Schleichender Wandel?

Auch die Klassikwelt hat sich aus ihrem Mythos der Erhabenheit über das Strafgesetz öffentlich zu häuten und sich von Sexismus und Übergriffen zu distanzieren. Es gibt Andeutungen von Sängerinnen, ein Bewusstseins-Wandel sei angesichts von #metoo bereits zu erkennen. Und die deutschen Bühnen haben sich selbst erst kürzlich einen Verhaltenskodex verordnet. Doch Zweifel bleiben, ob sich diese Wende klammheimlich und mit weiteren anonymen Fallschilderungen nachhaltig vollziehen kann. Die Mechanismen des Geschäfts mit seinen «unersetzlichen» männlichen Leitfiguren scheinen tief zu greifen. Nachdem #metwo inzwischen den alltäglichen Rassismus in’s Visier nimmt, bedeutet das womöglich ein Warten auf #methree, eigens für die klassische Musikwelt.

ForumMusikDiversität

Präsidentinnen (Co-Präsidium)
Dr. Christine Fischer und Daniel Lienhard
praesidentin@musicdiversity.ch

Vorstand
Katrin Boesiger, Anna Fintelmann, Christine Fischer, Daniel Lienhard, Stefan Meier, Anmari Willi

Redaktion
Christine Fischer
cfischer@musicdiversity.ch

Geschäftsstelle
info@musicdiversity.ch

Postadresse
ForumMusikDiversität
Postfach
CH - 4001 Basel

Website
www.musicdiversity.ch