Eine Engländerin  in Italien

Eine Engländerin in Italien

06.12.2018

Patricia Adkins Chiti war eine der ersten, die an der männlich geprägten Musikgeschichtsschreibung Anstoss nahm und durch ihre Forschungen und Publi-kationen das Interesse an Komponistinnen und Inter-pretinnen weckte.

Daniel Lienhard — Am 12. Juni dieses Jahres starb Patricia Adkins Chiti unerwartet im Alter von ungefähr siebzig Jahren. Ihr Geburtsdatum ist nicht bekannt.

In ihrem Elternhaus in Oxford spielte die Grossmutter Geige und ihre Mutter Klavier. Noch bevor sie sprechen konnte, soll Adkins Chiti angefangen haben zu singen. Mit dreieinhalb Jahren trat sie in einem Kirchenkonzert auf und liess bei dieser Gelegenheit verlauten, dass sie entweder Sängerin oder Schauspielerin werden wolle.

Dass sie dann tatsächlich eine Ausbildung zur Sängerin machte, nachdem sie bereits als Kind in Oratorien, Musicals und Operetten aufgetreten war, stiess bei ihrer Familie auf Ablehnung. Ihrem Studium an der Guildhall School of Music and Drama in London folgten Meisterkurse in England, Deutschland und Italien. In Italien war es dann auch, wo sie 1969 als Azucena in Verdis Il Trovatore debütierte. Auftritte auf der ganzen Welt sollten folgen.

Einsatz für unbekannte Musik

Patricia Adkins Chiti war mit dem italienischen Komponisten Gian Paolo Chiti verheiratet. Seit sie in Italien lebte, interessierte sie sich für das musikalische Erbe ihrer neuen Heimat, besonders für Werke des 18. und 19. Jahrhunderts. Neben ihrer Arbeit als Sängerin war es ihr immer wichtig, Musik an Orte zu bringen, wo sie gewöhnlich selten zu hören ist. Mit einem gemischten Laienchor, den sie in ihrem römischen Wohnviertel leitete, trat sie in Krankenhäusern, Alters- und Erziehungsheimen auf.

Musikgeschichtsschreibung, die von einer männlichen Optik dominiert wird, war ihr zeitlebens ein Dorn im Auge. Durch aufwendige Recherchen konnte sie nachweisen, dass es Werke von Komponistinnen gibt, seit musikalische Komposition in der menschlichen Zivilisation existierte. Eines ihrer Bücher, im Hinblick auf die Verwendung in Schulen geschrieben, trägt denn auch den Titel Jamila e le altre: La musica delle donne nel Mediterraneo dalla Civiltà Sumerica fino al 1492 (Jamila und die andern: Die Musik von Frauen von der sumerischen Zivilisation bis 1492). Weitere ihrer Werke sind den italienischen Musikerinnen (Almanacco delle virtuose, primedonne, compositrici e musiciste d’Italia) und den Frauen in der Musik im allgemeinen (Donne in musica) gewidmet. Besonders in ihrem Almanacco findet sich ein unglaublicher Reichtum an Daten und Fakten, zum Beispiel eine Liste mit 145 Opern von italienischen Komponistinnen.

Nationale und internationale Anerkennung

Ihr Engagement für Komponistinnen und Interpretinnen führte 1978 zur Gründung der Fondazione internazionale Donne in Musica/Women in Music, die als Institution von der italienischen Regierung, der EU, der UNESCO und der Arabischen Akademie anerkannt wurde. In Fiuggi in der Nähe von Rom befindet sich seit den 1990er Jahren das Archiv dieser Stiftung unter dem Namen Fondazione Adkins Chiti: Donne in Musica. Chiti war auch Präsidentin der International Foundation Women in Music, die 1996 gegründet wurde. Diese Institution unterstützt Komponistinnen aller Nationalitäten und kann auf ein Netzwerk von 27 000 Autorinnen, Interpretinnen, Musikwissenschaft-lerinnen und Forscherinnen aus 113 Ländern zählen.

Der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi verlieh Patricia Adkins Chiti für ihre Verdienste den Titel Commendatore della Repubblica.

Noch ist es Zukunftsmusik, dass Komponistinnen den ihnen gebührenden Platz in den Konzertprogrammen erhalten und Frauen aller Länder einen ungehinderten und gleich- berechtigten Zugang zu allen Beru- fen im Musikleben haben. Patricia Adkins Chiti hat sich vehement da- für eingesetzt und verdient unseren Dank.

Aus Anlass der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der UN-Menschenrechtscharta schrieb die Fondazione Adkins Chiti dieses Jahr einen internationalen Kompositionswettbewerb für Frauen aus. Die Preisträgerinnen sind: Carmen Alfaro Méndez (Costa Rica), Annie Fontana (Italien), Elizabeth González (Uruguay), Mathilde Grooss Viddal (Norwegen), Linda Hijazi (Jordanien), Jane Meryll (USA), Katarina Pustinek Rakar (Slowenien), Shruthi Rajasekar (USA) und Jeanne Zaidel-Rudolph (Südafrika).

Ihre Werke wurden am 5. November 2018 in einem Galakonzert im Teatro Argentina in Rom aufgeführt.

Fondazione Adkins Chiti: Donne in musica

> www.donneinmusica.org

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