Eine Wanderung mit unvorherseh- baren Folgen

Eine Wanderung mit unvorherseh- baren Folgen

23.01.2019

1940 schrieb Thomas Mann die Novelle «Die vertauschten Köpfe». Nur wenig später griff die australisch-amerikanische Komponistin Peggy Glanville-Hicks für eine Oper auf das Werk zurück. Das Linzer Landestheater wagte nun die europäische Erstaufführung.

Daniel Lienhard — Auf der modernen Studiobühne des Landestheaters Linz, in der sogenannten BlackBox mit 270 Plätzen, fand Ende 2018 die europäische Erstaufführung der Oper The Transposed Heads von Peggy Glanville-Hicks statt. Die Komponistin ist zwar für Interessierte durchaus ein Begriff und auch das Werk bereits in zwei Gesamtaufnahmen zugänglich. Aber noch nie hatte man auf unserem Kontinent Gelegenheit, diese Oper auf der Bühne zu sehen.

Glanville-Hicks, 1912 in Australien geboren, sollte nach dem Wunsch ihrer Eltern Musikunterricht nehmen, um eine kultivierte Ehefrau werden zu können. Diese Rechnung ging überhaupt nicht auf, weil sie schon als Teenager beschloss, Komponistin zu werden. Aufgrund ihrer guten Ausbildung und ihrer offenkundigen Begabung konnte sie bereits als Zwanzigjährige mit einem Stipendium in London bei Ralph Vaughan Williams studieren. Studien bei Egon Wellesz in Wien und bei Nadia Boulanger in Paris folgten. Zurück in Australien, haderte sie mit der konservativen Ausrichtung des dortigen Musiklebens und emigrierte 1941 in die USA. Wie auch viele europäische MusikerInnen, die vor dem Faschismus nach Amerika geflüchtet waren, hatte es Glanville-Hicks nicht leicht, sich dort eine Existenz aufzubauen. Obwohl sie als Komponistin und Kritikerin äusserst aktiv war und trotz ihrer ausgezeichneten Beziehungen zu vielen amerikanischen KünstlerInnen erhielt sie vor allem auch wegen ihres Geschlechts nie eine Anstellung, die sie finanziell abgesichert hätte. Nach einigen Jahren in Griechenland, für dessen Kultur sie sich besonders interessierte, zog sie 1975 nach Australien zurück, wo sie 1990 verstarb.

Eine indische Legende

Die Handlung der 1954 in Louisville (Kentucky) uraufgeführten Oper The Transposed Heads nach einer Novelle von Thomas Mann kann in wenigen Sätzen wie folgt geschildert werden: Der Brahmane Schridaman und sein Freund Nanda, der einer niederen Kaste angehört, sehen, wie eine schöne junge Frau nackt im Ganges ein rituelles Bad nimmt. Nanda kennt das Mädchen Sita, und bietet an, bei ihren Eltern als Brautwerber für Schridaman, der sich unsterblich in sie verliebt hat, aufzutreten. Nach der Hochzeit unternehmen die drei eine Wanderung zu einem Tempel der Göttin Kali. In einem Anfall von religiöser Extase enthauptet sich Schridaman. Sein Freund, der den Toten findet, macht sich Vorwürfe und schlägt sich ebenfalls den Kopf ab. Nachdem Sita die Toten entdeckt hat, will sie sich auch umbringen, wird aber von Kali daran gehindert. Die Göttin erlaubt ihr, den Männern die Köpfe wieder aufzusetzen, die sie in ihrer Aufregung aber vertauscht. Wer ist nun Sitas Gemahl? Ein Guru in den Bergen urteilt, dass der Kopf ausschlaggebend ist. Die Situation bleibt unbefriedigend. So beschliessen die drei ProtagonistInnen, dass sich die Männer gegenseitig töten, um mit der Witwe Sita zusammen verbrannt zu werden: So werden sie im Feuer neu vereint sein.

Eine hervorragende Aufführung

Eine indische Legende, deren Handlung uns durchaus befremden mag und die zentrale Fragen der menschlichen Existenz zur Diskussion stellen will: Kann das als Oper gut gehen? Es kann, und die Linzer Aufführung in der Regie von Gregor Horres, mit der Bühne und den Kostümen von Jan Bammes, der Dramaturgie von Christoph Blitt und dem Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Leslie Suganandarajah ist sogar ein eindrückliches Plädoyer für diese kaum bekannte Oper.

Obwohl das Werk von fünf jungen SängerInnen des Oberösterreichischen Opernstudios interpretiert wird, gibt es nicht nur nichts zu kritisieren, man ist vielmehr während der 80 Minuten Spieldauer bestens unterhalten und bewundert die Originalität und Farbigkeit der Musik. Glanville-Hicks gibt der Melodik und dem Rhythmus den Vorzug vor der Harmonik. Zusammen mit einer Vorliebe für das Schlagwerk und der Verwendung indischer Elemente ergibt das wirkungsvolle Musik mit archaischem Gepräge. Dass nach der Uraufführung moniert wurde, die Oper pendle unentschlossen zwischen exotischem Spektakel, tragischer Dreiecksliebesgeschichte, philosophischem Diskurs und skurril-witziger Komödie, ist unverständlich, speist sich doch die Attraktivität der Oper genau aus dem Gemisch dieser Quellen.

Allen Opernstudios und kleinen Bühnen kann dieses Werk vorbehaltlos empfohlen werden.

 

Weitere Informationen über die Komponistin findet man unter:

> www.pghcomposershouse.com

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