Ponyhof oder Let’s Rock the World

Ponyhof oder Let’s Rock the World

27.03.2019

Geschlechterklischees in der Pop- und Rockmusik halten sich mit grosser Beharrlich-keit. Ein Erfahrungsbericht aus Beruf und Familie.

Christine Fischer — Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein weites Feld, das meist vor einer Negativfolie diskutiert wird: Der Unvereinbarkeit beider Bereiche. In ganz seltenen Fällen gibt doch ein Lebensbereich tatsächlich die Antwort auf Fragen, die der andere aufwirft. Dass das keineswegs so positiv ist, wie es zu klingen scheint – dazu die folgende Bricolage meiner Erfahrungen der letzten Wochen im Bereich der Geschlechterfrage im Pop- und Rockbereich.

Szene 1: Frauenanteile

Für den Jahresbericht des ForumMusikDiversität, aber auch aus persönlichem Interesse, stand die Lektüre der Vorstudie «Frauenanteil in Basler Bands – Erhebung zur Geschlechtergerechtigkeit und zur Sichtbarkeit von Frauen in der Basler Popszene» ins Haus. Finanziert von der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern des Kantons Basel-Stadt und in Kooperation mit dem Statistischen Amt des Kantons Basel-Stadt, der Abteilung Kultur des Kantons Basel-Stadt, kulturelles.bl und Helvetiarockt, stimmt der federführende Rockförderverein Basel in der 23-Seiten-Broschüre durchaus selbstkritische Töne an. Da wird die Zusammensetzung der eigenen Mitgliederschaft aus Geschlechterperspektive in den Berichtsjahren 2008–2017 hinterfragt und auf die Politik zur geschlechtergerechten Besetzung der vereinseigenen Gremien, die über Fördermittel entscheiden, hingewiesen. Alles löblich und wunderbar. Nur macht das die verheerenden Zahlen nicht besser, die man zu lesen bekommt. Sie entsprechen in einem solchen Ausmass gängigen Klischees von der (Nicht-)Teilhabe von Frauen am Musikbetrieb, dass man eigentlich gar nicht mehr berichten mag: In fast 900 Bands der Basler Szene spielen 10% Frauen, in 77% liegt der Frauenanteil zwischen 0 und 20%. Und 68% der Gelder aller Förderformate gingen an Bands ohne Frauen. Das alles ist eingebettet in kluge und richtige Empfehlungen, wie auf Änderungen hinzuwirken sei, untergliedert nach verschiedenen Sparten, in denen sensibilisiert werden müsse – darunter der Bereich «Bildung und Sozialisation» und der Bereich «Medien». In einem Land, in dem der Kampf für das Frauenwahlrecht im Appenzell mittlerweile filmischen Kultstatus erreichen kann und die amtierende Bundespräsidentin sich ehemals an der Spitze unseres Vereins für die Chancengleichheit der Geschlechter im Musikleben einsetzte, sind die Zahlen dennoch nur schwierig einfach so hinzunehmen. Woran mag es also liegen?

Szene 2: The Voice

In einem Haushalt, in dem Teenager die absolute Mehrheit behaupten, war es zumindest durchzusetzen, dass Germany’s Next Topmodel nicht auf dem familientauglichen Medienspeiseplan steht. In The Voice Kids (Sat1) willigte man als Eltern eben ein: Es ist ja schön, wenn sich die Kinder kreativ betätigen und zumindest gesungen wird. Für nicht Eingeweihte: Singende Kinder zwischen 7 und 15 Jahren, zumeist aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, werden bei diesem Format in einem stufenreichen Auswahlverfahren selektiert. Unter Anteilnahme eines Millionenpublikums werden «die Talente» in telegenen Vorsingen weiter ausgefiltert und Gesangs-«Coaches» zugeteilt. Im Finale schliesslich wird eine SiegerIn erkoren, die nicht nur sich, sondern auch den sich gegenseitig kompetitiv anrempelnden prominenten Coaches alle Ehre bereitet – sowie 15 000 Euro Ausbildungsstipendium und einen Plattenvertrag bekommt.

Angesichts eines beeindruckenden Vortrags eines 14-jährigen, der sich mit einer Coverversion von «Here I go again» der Whitesnakes zurück in die 1980er begab, bewerben sich denn zwei Coaching-Teams um die Gunst des jungen Sängers. Stefanie Kloss, Sängerin von Silbermond, rechtfertigt sich dafür, als Frau einen Jungen mit Faible für Rockmusik betreuen zu wollen: «Also [...] das Ding ist ja: Als Frau hat man immer das Gefühl, man müsste sich verteidigen, weil ich mir auch denke, so ein Typ wie du, der denkt sich, was soll ich zu so einer komischen Tante gehen, die irgendwie so Songs wie «Sinfonie» und so’n Kram macht. Das ist völlig egal. [...] Es geht hier um dich, es geht hier um deine Stimme. Ich hab total Bock auf dich, weil du ein cooler, erfrischender Typ mit wahnsinnig viel Energie bist und ich bin ’ne coole Braut mit viel Energie, also, warum nicht?» Die testosteronträchtige Männlichkeit des konkurrierenden Teams, der Country- und Westernformation Bosshoss, liess sich diese Steilvorlage nicht entgehen: «Da muss ich sagen, ihr packt immer so diesen Frauenbonus aus. Immer wenn da ein Mädchen ist, dann heisst es, wir Mädels, die coolen Girls müssen zusammen halten. Ich brauch einen coolen Typen in meinem Team und dort [bei Stefanie] bist du dann auf dem Ponyhof, da sind nur Mädels.» / «Wir Jungs, wir sprechen eine Sprache, und wenn’s um’s Thema Rock geht, dann gönn ich Stefanie das nächste Rockmädchen bei The Voice Kids. Let’s do it man, let’s rock the world.» Da war sie, die quotenträchtige Antwort auf meine Frage, mit Millionenreichweite in einer Kindersendung – und flimmerte unkommentiert über den Privatsender. Ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit freiwillig den doppelten Billag- bzw. Serafe-Betrag zu überweisen. Aber auch das wäre angesichts der Reichweite der Öffentlich-rechtlichen unter Jugendlichen wohl eher eine Verzweiflungstat.

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