Venus Unwrapped — A new light on music by women

Venus Unwrapped — A new light on music by women

29.05.2019

Eine ambitionierte Konzert-reihe in London richtet das Scheinwerferlicht auf die Musik von Frauen. Werke von 140 Komponistinnen stehen auf dem Programm.

Daniel Lienhard — «Ich will der Welt zeigen (soweit es im Rahmen meiner musikalischen Berufsausübung möglich ist), dass es ein närrischer Irrtum der Männer ist, dass sie so fest daran glauben, dass nur sie mit hohen intellektuellen Gaben gesegnet sind, die, wie es ihnen scheint, bei Frauen nicht gleichermassen üblich sein können.»

Was sich wie die Klage einer Feministin des 20. Jahrhunderts anhört, ist ein Ausschnitt aus der Widmung des Primo libro de madrigali a quattro voci von Maddalena Casulana an Isabella de’ Medici. Casulana, eine italienische Musikerin der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, war die erste Frau, deren Kompositionen gedruckt wurden. Bis heute ist es eine Tatsache geblieben, dass die Werke von Komponistinnen, auch wenn sie verlegt wurden, wenig bekannt sind und entsprechend selten aufgeführt werden. Eine neue Untersuchung zeigt, dass in den Programmen von 15 der weltweit führenden Symphonie-orchester in der Saison 2018/19 nur 2,3 % der Werke von Komponistinnen stammen.

Umfassendes Panorama der weiblichen Kreativität

Eine Konzertreihe im Kings Place in London, die unter dem Titel Venus Unwrapped zwischen dem 31. Dezember 2018 und dem 20. Dezember 2019 Werke von 140 Komponistinnen zu Gehör bringt, muss auf sehr gross besetzte Stücke verzichten, da der moderne Saal in der Nähe des Bahnhofs King’s Cross mit seinen 415 Plätzen dafür zu klein ist. Das Programm der Reihe mit über 90 Veranstaltungen kann man trotzdem nur als sensationell bezeichnen. Die Programmdirektorin Helen Wallace und ihr Team haben keinen Aufwand gescheut, um ein umfassendes Panorama der weiblichen Kreativi-tät auf musikalischem Gebiet anbieten zu können. Von Hildegard von Bingen bis zur zeitge- nössischen Musik sind alle Stile vertreten, und auf den Konzertpro-grammen findet man traditionelle Formatio-nen wie Streichquartette, Klaviertrios oder Lied-duos genauso wie ein a cappella-Jazzquintett, elektronische Musik, Folksängerinnen oder Singer-Songwriterinnen.

Wie Peter Millican, der Besitzer und Spiritus Rector von Kings Place sagt, ist Venus Unwrapped mit Absicht nicht der Musik von Frauen vorbehalten, vielmehr sollte es das Ziel sein, die beste Musik von Komponistinnen in den Kontext von Werken von Männern zu stellen und sie damit zu kontrastieren.

Bekanntes und Unbekanntes, Altes und Neues

Auch die KonzertbesucherInnen, die bekannte InterpretInnen hören (und sehen) möchten, kommen keineswegs zu kurz: Von Gabriela Montero war die Londoner Premiere ihres neuen Werks Babel für Klavier und Streichorchester zu hören, die Stargeigerin des barocken Repertoires Rachel Podger spielte Isabella Leonarda, Francesca Caccini und Elisabeth Jacquet de la Guerre, Chor und Orchester des Orchestra of the Age of Enlightenment kombinierten Barbara Strozzi und Claudio Monteverdi, die Bratschistin Tabea Zimmermann interpretierte Rebecca Clarkes Violasonate und Andrei Ioniţă, ein neuer Stern am Cellohimmel, führte die Cellosonate der Russin Leokadiya Kashperova (1872-1940) auf. In der zweiten Jahreshälfte folgen noch das Chiaroscuro Quartet mit Fanny Hensels Streichquartett, die Geigerin Midori, die sich zusammen mit der Pianistin Ieva Jokubaviciute zeitgenössischen Werken widmet, der Chor The Sixteen unter Harry Christophers mit britischer a cappella-Chormusik, die Schlagzeugerin Evelyn Glennie, die ein neues eigenes Werk präsentiert und die London Sinfonietta, die unter anderem ein Stück für Ensemble und improvisierende Sängerin von Tansy Davies uraufführt.

Kann Venus Unwrapped vielleicht doch die öffentliche Wahrnehmung von Komponistinnen verändern? Zu wünschen wäre es diesem ehrgeizigen Projekt.

> www.kingsplace.co.uk

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