Loseziehen und Separatismus für den Wandel

Loseziehen und Separatismus für den Wandel

24.06.2020

In dem schwedischen Netzwerk Konstmusiksystrar haben sich junge Künstler*innen, Produzent*innen und Vermittler*innen der Förderung von mehr Diversität und Gender-Gerechtigkeit in der zeitgenössischen Musik verschrieben.

Anja Wernicke — Um Diversität zu erreichen, sind politischer Wille und von oben auferlegte Quotenregelungen nicht genug. Diese Erfahrung haben die Mitglieder des Netzwerks Konstmusiksystrar, das 2014 von den damaligen Musikstudierenden Marta Forsberg und Lo Kristenson zunächst als E-Mailkette gegründet wurde, in ihrer noch kurzen Geschichte sehr schnell gemacht. Gleichstellung ist in Schweden zwar seit langem ein grosses Thema und die aktuelle Regierung rühmt sich als weltweit erste feministische Landesspitze. Seit über zehn Jahren ist zudem die geschlechtergerechte Programmierung für Kulturinstitutionen eine Bedingung, um überhaupt Subventionen zu erhalten. Doch gemäss den Konstmusiksystrar geht es dabei häufig um die blosse Erfüllung von numerischen Zielen. Die Gruppe, die auch selbst Musikveranstaltungen kuratiert, möchte hingegen eine inhaltliche Diskussion über Auswahlkriterien anstossen, bestehende Strukturen und Mechanismen hinterfragen sowie neue kuratorische Methoden zur Anwendung bringen. So wurden bereits eine Reihe von Workshops, Vorträgen, Konzerten, Festivals durchgeführt, u.a. in Kooperation mit den städtischen Konzerthäusern in Stockholm und Malmö.

Deep Listening im
Separatismus

Zu Beginn folgten die Mitglieder jedoch noch ihrem ganz persönlichen Bedürfnis einen – wie sie es nennen – «separatistischen» Raum zu schaffen, in dem sie ohne die erlernten Beurteilungskriterien Musik machen und anhören können. Als Vorbild und Methode fungierte Pauline Oliveros’ Konzept des «Deep Listening», das sich durch ein Aussetzen des Urteilsvermögens kennzeichnet und Offenheit für neue Informationen erfordert. Das Ziel ist die Ingangsetzung eines Prozesses, bei dem mit dem ganzen Körper zugehört und auf das Gehörte reagiert wird. «Dadurch entstanden nicht nur angenehme Wohlfühl-Situationen, wie sich vielleicht erwarten liesse. Im Gegenteil kam es auch zu sehr seltsamen Situationen, die es auszuhalten und anzunehmen galt», erläuterten die Vertreter*innen des Netzwerks Kajsa Antonsson und Anna Jakobsson an der «GRiNM Network Conference» im November 2019 an der Zürcher Hochschule der Künste.

Im Dienste des Zufalls

Im internen, separatistischen Raum klappte das gut. Doch aufgrund der kulturpolitischen Vorgaben in Schweden interessierten sich bald auch grössere und etablierte Institutionen für die Konstmusiksystrar. «Sie entwickelten ein regelrechtes Verlangen nach von uns kuratierten Konzerten,» erzählt Anna Jakobsson im Interview. Das schnell gewachsene Netzwerk stand vor der Herausforderung, die Anfragen auf gerechtem Wege an die heute über 150 Mitglieder weiterzugeben, ohne dem von ihnen kritisierten Nepotismus und der persönlichen Bevorzugung in der Vergabe von Aufträgen nachzugeben. Sie liessen das Los entscheiden und erfuhren in dem mehrteiligen Projekt «In the Service of Chance», wie komplex die Diskussion von struktureller Bevorzugung und Neoptismus in der zeitgenössischen Musikszene ist. «Uns fehlt eine Sprache, die es ermöglicht, über diese Dinge zu sprechen, ohne unsere eigenen Arbeitsbeziehungen und Karrieren zu gefährden», schreibt das Netzwerk in einer 2019 von der Berliner Gruppe FEM*_Music* herausgegebenen Broschüre. Hinzu kam, dass die Partnerinstitutionen nicht immer an einem kritischen Diskurs und der Offenlegung ihrer eigenen Arbeitsweisen interessiert waren. Das führte zu Frust und einem Gefühl der Ausbeutung.

Autorschaft hinterfragen

Doch die Konstmusiksystrar halten an ihrem kritischen Geist fest und sind voller Tatendrang. 2019 gestalteten sie einen Konzertabend zu Clara Schumanns 200. Geburtstag, bei dem eine Kollektivkomposition von 5 Komponist*innen im Zentrum stand. Aktuell arbeiten sie an einem neuen Konzertprojekt, bei dem Fragen der Autorenschaft und Arbeitsteilung innerhalb eines künstlerischen Kollektivs im Zentrum stehen. «Wir möchten auf Trab bleiben, damit wir unsere eigene Praxis nicht zementieren», so Kajsa Antonsson im Gespräch.

Links

> konstmusiksystrar.se

> blog.zhdk.ch/grinm/

> femmusic.eu