Klangozeane: die Elektronikpionierin Eliane Radigue

Klangozeane: die Elektronikpionierin Eliane Radigue

20.01.2021

Mit ihren elektronischen Kompositionen hat die heute 88 Jahre alte Französin Eliane Radigue einzigartige, zart ausgehörte Klanglandschaf-ten geschaffen – unabhängig von den grossen Studios.

Thomas Meyer — Ihre Klangwelt ist einzigartig: Weit gezogene Felder, minimalistische Drones, die sich nur langsam entwickeln und entfalten, zuweilen über Stunden. So etwa in L’île re-sonante von 2000, einer Art musikalischem Nirwana. Es sei, wie wenn man die Oberfläche eines Flusses betrachtet, sagt die Komponistin Eliane Radigue dazu. Es gebe ein ständiges Irisieren, das aber nie genau gleich sei. Auf einmal sehe man einen Sonnenstrahl oder die Tiefe des Wassers, oder man lasse sich wie in einem Traum tragen und plötzlich werde man von einem Winkel angezogen – oder man schaffe sich eine eigene Landschaft, eine Klanglandschaft.

Lange war sie nur Insidern bekannt. In den CD-Läden fand man ihre Aufnahmen kaum, oft auch nicht bei elektronischer Musik. Aber in Londons schrägem Kultschuppen, dem Café Oto, begegnete ich ihrer Musik. Was von ihrer Unabhängigkeit zeugt und davon, dass sie irgendwo zwischen den Genres steht. Alle Bezeichnungen und Einordnungen seien ihr völlig egal, meinte sie einmal.

Eliane Radigue, geboren 1932 in Paris, im Quartier des Halles, hat ihre Stages beim französischen Radio gemacht, war Assistentin beim Musique concrète-Pionier Pierre Henry, aber sie fand nicht zu ihrem eigenen Stil. In den Kreisen ihres Ehemanns, des Malers Arman, galt sie nur als die hübsche Musikerin. 1967 trennten sie sich, drei Jahre später ging sie in die USA. Das war die Erweckung. Galt sie zuvor nur als «la femme de», so wurde sie in New York als Musikerin wahrgenommen. Das war extrem befreiend. Sie arbeitete eng mit James Tenney zusammen, lernte John Cage und David Tudor kennen und entdeckte die ihr adäquaten technischen und kompositorischen Mittel: in der Minimal Music, die mit Wiederholungen, also Loops arbeitet, vor allem aber im Kontakt mit Musikerinnen, die wie Pauline Oliveros oder Laurie Spiegel elektronische Geräte verwenden. Mit dem Buchla-Synthesizer, später dem Synthesizer ARP 2500 fand sie die geeigneten Instrumente. Darauf konnte sie das entwickelte Vokabular besser umsetzen.

Die Musik, die daraus entstand, gehört zum Eigenwilligsten in der elektronischen Musik. Es ist eine Musik der langen Weile, der Zeitlosigkeit fast sowie der Immersion, in die man eintauchen kann – Klangflächen, die sich mit einfachen, aber ungemein subtil verwendeten Mitteln durch die Zeit bewegen, die fliessen, langsamst sich verändernd, minimalistisch, prozesshaft – und die mit dieser Feinheit auch eine veränderte, besonders wache Wahrnehmung herausfordern. Die Musik wird amorph, gestaltlos fast, sie ist ein Kontinuum, in dem es keine Brüche, ja kaum Pausen und Stille gibt. Alles ist in einen Klangfluss, in einer Drone eingebettet. Es ist eine Auslöschung alles Überflüssigen. Zu ihrem Werk Transamorem – Transmortem, bestehend aus einem tiefen farbigen Klang – und darüber einem hohen tinnitusartigen Ton, schrieb sie, es bewege sich im äussersten Winkel im Grenzbereich des Unbewussten.

Mitte der 70er Jahre wandte sich Radigue dem tibetischen Buddhismus zu. Der Buddhismus, der eher eine Philosophie als eine Religion sei, habe ihr inneres Leben geprägt. Der Gesang buddhistischer Mönche taucht später in L’île re-sonante auf, ihrer letzten rein elektronischen Komposition.

Denn danach folgte nochmals eine überraschende und grossartige Wende: Sie begann Instrumentalmusik zu komponieren und war wohl selber erstaunt, dass sie mit akustischen Mitteln Subtilitäten ausloten konnte, die sie bei der Elektronik vermisst hatte: die Instabilität des Klangs, kleine Pausen, die sich durch den Bogenstrich des Cellos ergeben, zarte und kräftige Farben… etwa in den Werken, die sie für den Cellisten Charles Curtis schrieb. Endlich konnte sie ihre «phantasmes sonores» verwirklichen. Etwas völlig neues entstand, etwa ein mehrteiliger, noch nicht abgeschlossener Zyklus mit dem Titel Occam Océan. Es geht wieder um Wasserbewegungen, um Klangwellen, um einen grandiosen Klangozean, in den man eintaucht, und es zieht einen mit seiner Intensität tief hinein.