Frauen ans Blech!

Frauen ans Blech!

28.04.2021

Es war ein langer Weg, bis Frauen sich ihre Plätze in Orchestern erobern konnten. Im Blech sind sie bis heute oft in der Minderheit. Das hat historische Gründe. Aber allmählich tut sich etwas.

Eckhard Weber — Horn, Trompete und Posaune galten über Jahrhunderte als reine Männerdomäne. 1842 heisst es in der Allgemeinen Wiener Musikzeitung, «die Verziehung der Gesichtsmuskeln» beim Spiel eines Blasinstruments sei nicht geeignet, «die weibliche Schönheit zu erhöhen.» Diese perfide Argumentation bemüht die stereotype Dichotomie des bürgerlichen Zeitalters, Frauen auf die äussere Erscheinung und «Zier» des Mannes zu reduzieren, während dem Mann Geist und Macht zugestanden werden. Dass Blechblasinstrumente so lange in Männerhand waren, liegt neben solchen Klischees vor allem daran, dass Trompeten, Posaunen und Hörner zuerst in traditionell männerbündischen Milieus verwendet wurden. Die Trompete zum Beispiel kam als Signalinstrument im Militär zum Einsatz. Schon im Mittelalter gehörten die Hoftrompeter als Personal zum Bereich der Ritter. Bis weit ins späte 18. Jahrhundert verfügten die meisten Hofkapellen nicht über festangestellte Blechbläser, sie wurden beim Militär angefragt. Ähnliches gilt für Hörner, die in Europa zunächst als Signalinstrumente bei der Jagd eingesetzt wurden, gespielt von Dienstboten, die in der Regel auch für die Pferde oder die Jagdhunde zuständig waren.

Posaunen spielende Engel

Am ausgeprägten Macho-Image der Posaune ist nicht zuletzt der deutsche Reformator und Bibelübersetzer Martin Luther schuld: Er hat das lateinische Wort tuba, das in der Bibel antike Trompeten und Hörner bezeichnet, also aus einem Tubus gefertigte, röhrenförmige Klangerzeuger, als Posaune übersetzt. Die zu Luthers Lebzeiten entwickelte Posaune, tiefer in der Tonlage als die Trompete, sorgte damals für Furore als markantes Signalinstrument. Weil in der Lutherübersetzung Engel, somit Männer, die Posaunen spielen und Posaunen zum Lob Gottes erschallen, ist seitdem das Instrument vor allem im deutschsprachigen Raum mit Metaphysik behaftet, wie die Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld in einer Studie nachgewiesen hat. Noch Richard Wagner lässt im Ring des Nibelungen den Obergott Wotan mit einer Posaune begleiten, ebenso wie Richard Strauss in Salome den Propheten Jochanaan. Da der notorisch misogyne Apostel Paulus in der Bibel, erster Korintherbrief, die Frau am Altar zum Schweigen verdammte, war somit die gewissermassen sakrale Posaune lange Zeit nur den Männern vorbehalten.

Und im Jazz? Ein ähnliches Bild: Der Fachjournalist Nat Hentoff bemerkte einmal, dass die Jazz-Trompeterin Billie Rogers, die in den 1940er Jahren im Orchester von Woody Herman spielte, bestaunt wurde «als hätte sie drei Köpfe». Noch Ende der 1990er Jahre kam die Musikforscherin Lucy Green zum ernüchternden Fazit, dass die New Yorker Jazz-Szene Frauen tendenziell ausschliesse.

Frauen im Vormarsch

Heute setzen sich in der Klassik-Branche beispielsweise Trompeterinnen mit Erfolg durch: Etwa die Britin Alison Balsom, mittlerweile ein Star, oder die junge Österreicherin Selina Ott, die 2018 mit 20 Jahren als erste Frau überhaupt beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD im Fach Trompete den ersten Preis gewann. Das Argument, dass Frauen weder das Lungenvolumen noch die Muskelmasse für das Beherrschen der Blechblasinstrumente hätten, wurde längst widerlegt. Schmächtige und kräftige Körper gibt es bei allen Geschlechtern. Zudem macht die Spieltechnik viel aus. Eine gewisse sportliche Fitness gehört natürlich dazu, schon weil die Blechblasinstrumente viel mehr wiegen als Flöte oder Oboe. Sarah Willis, Hornistin bei den Berliner Philharmonikern, macht regelmässig Yoga, um ihr Horn spielend zu stemmen. Sie hat sich Anfang der 1980er Jahre mit 14 an ihrer Schule in England mit unvoreingenommener Neugier für das Horn entschieden. In den Orchestern seien Frauen am Horn mittlerweile selbstverständlich, erzählt sie. Kürzlich hat Sarah Willis einen Brief von einem Mädchen aus Berlin erhalten, das sie 2015 bei einem Kinderkonzert in der Berliner Philharmonie kennenlernte. Dort durften Kinder Instrumente ausprobieren, die damals Fünfjährige ging ans Horn. Nun hat dieses junge Talent Sarah Willis berichtet, dass es heute Horn spiele und auf ein Musikgymnasium gehe, Sarah Willis sei ihr Vorbild. «Das hat mich sehr berührt und macht mich stolz», sagt die Künstlerin, «ich bin froh, dass durch mein Beispiel der Weg etwas mehr geebnet worden ist für Mädchen wie dieses, die nun nicht mal lange überlegen müssen, ob sie sich fürs Horn entscheiden.» Überhaupt beobachtet sie einen Wandel: «Die Hochschulen sind heute voller talentierter Hornistinnen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da noch viel kommen wird.»

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