Interaktion, wenn nötig Kampf

Interaktion, wenn nötig Kampf

26.05.2021

Glasperlenspiele sollte man von ihr nicht erwarten. Die Musik von Mirela Ivičević entsteht aus der Konfrontation mit Gegenwart.

Thomas Meyer — Eine heftige, stellenweise harte Musik: Klangfronten prallen aufeinander. Momente scheinbarer Ruhe dazwischen werden wieder aufgebrochen. Am Ende erklingt kurz und leise ein Partisanenlied. Das ist Case black – ein politisches Stück, nicht von ungefähr, denn die Komponistin stammt aus einem Land, das in den letzten Jahrzehnten kriegerische Auseinandersetzungen durchlebte. Mirela Ivičević, geboren 1980 in Split, ist mitten in diesen Konflikten aufgewachsen.

In den Ensemblestücken Case Black und Case White bezieht sie sich auf die Kämpfe zwischen jugoslawischen Partisanen und den Achsenmächten im 2. Weltkrieg, die entscheidend dazu beitrugen, dass die Allierten sich durchsetzen konnten. «Diese Geschichte ging meiner Familie sehr nahe. Mein Grossvater ist dort gestorben», sagt sie im Gespräch. Sie erzählt von diesen Vorfällen zwar nicht konkret in der Musik; das könne Literatur besser, aber als Komponistin wollte sie den ihr zugestandenen Raum möglichst nutzen, «um an diese Ereignisse zu erinnern. Für die Musik selber waren sie eher ein Impuls, ein Background.»

«Für mich heisst Musik nicht Flucht vor, sondern Interaktion mit der Welt. Wenn nötig, auch Kampf.» sagte sie in einem Interview. Und von solcher Konfrontation mit der gegenwärtigen Realität sind ihre Stücke auf ganz unterschiedliche Weise geprägt. Als politische Komponistin empfindet sie sich nur bedingt. «Manchmal erhalte ich dort einen Impuls, wie alle Komponisten. Je nachdem, wo man sich im Leben befindet, fühlt man sich davon motiviert. Aber es ist nicht das einzige, was mich reizt.» Zentraler für sie ist das Motiv, Extreme zu verbinden – «vielleicht weil ich in einer multiethnischen Familie in einem multiethnischen Staat aufgewachsen bin. Mich interessiert mehr, was unterschiedliche Klänge miteinander verbindet, als das, was ähnliche Strukturen voneinander unterscheidet.»

Mit Blume im Haar

Mirela Ivičević studierte zunächst in Zagreb und später in Wien und Graz. Komposition bei Beat Furrer. In Wien lebt sie heute noch; wo sie das Black Page Orchestra mitbegründet hat. Sie gehört zu einer Komponistengeneration, die stark kontextuell arbeitet, einen Drang zum Theatralen und zum Aktionistischen hat. Sie spielt gern mit Attitüde und theatralem Schein, wie sie auf manchen Photos andeutet: Mit Blume im Haar, ein bisschen teenagermässig. Kinderkram, werden manche denken.

Mit solcher Unbekümmertheit spielt Mirela Ivičević auch mit rohem Klangmaterial, sehr emotional und subjektiv: «Egal, ob ein Thema politisch oder eher intim ist: Tatsächlich inspiriert mich das, was ich im Leben um mich herum sehe, höre und empfinde.» Sie greift Unterschiedlichstes auf, setzt es neu zusammen, zu einer «Sonic fiction», die Elemente der Realität enthält. Sie tut es mit Lust am Pluralismus – auf überraschende und erfrischende Weise. So bewegt sie sich quer zum Musikbetrieb.

Zum Beispiel in Orgy of references für Stimme und Elektronik. In dieser sarkastischen Performance verwurstet sie all jene unsäglichen Lebensläufe, mit denen sie sich ständig für Veranstalter und Stipendien selber anpreisen muss. Solche biographischen Referenzen seien für sie nichtssagend. «Aus diesem Frust ist das Stück entstanden. Die Stimme erzählt meine Biographie und masturbiert dabei. Schliesslich raucht sie eine postorgasmische Zigarette und geht weg.» Die Vokalistin Kaoko Amano wurde dabei zum Alter Ego der Komponistin, die selber die Elektronik bediente. Wie viele ihrer Kolleginnen tritt Ivičević gelegentlich als Performerin auf.

Subsonically Yours (also: Unhörbare Grüsse) heisst ihr jüngstes und bislang leisestes Ensemblestück, das kürzlich in Witten uraufgeführt wurde. Es ist «ein kleiner Raum für einen Urknall» und «inspiriert durch die Situation, in der wir uns alle befinden, eingeschlossen. Ich wollte nicht ein Stück machen, das reflektiert, wie schlecht wir uns alle in der Pandemie fühlen. Es ist eine Zeit, die Träume braucht – positive Aussichten, auch wenn sie Realität reflektieren. Das wollte ich in einen Käfig stecken, in dem sich das Material jedoch maximal entfalten kann.»