Mehr Sichtbarkeit für Komponistinnen

Mehr Sichtbarkeit für Komponistinnen

30.06.2021

Im Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main lassen sich Werke und Lebensgeschichten von Komponistinnen entdecken.

Friederike Kenneweg — In den 1970er Jahren war Elke Mascha Blankenburg schon einige Jahre als Dirigentin tätig, als sie sich fragte: Warum kenne ich eigentlich so wenig Musik, die Frauen komponiert haben? Sie begann zu recherchieren – und fand tatsächlich eine Vielzahl von Komponistinnen aus der Vergangenheit, die zu Lebzeiten zwar sehr wohl erfolgreich waren, deren Werke aber nachfolgend in Vergessenheit gerieten.

Um auf dieses Ungleichgewicht aufmerksam zu machen, veröffentlichte Blankenburg unter dem Titel «Vergessene Komponistinnen» im Herbst 1977 einen Artikel in der feministischen Zeitschrift «Emma», mit dem sie eine Welle der Resonanz auslöste. Sie erhielt Briefe von Musikerinnen, Musikwissenschaftlerinnen und Komponistinnen aus der ganzen Welt. Im Jahr 1979 gründete sie daraufhin in Köln gemeinsam mit vielen anderen Frauen einen internationalen Arbeitskreis, um sich der Sache der komponierenden Frauen anzunehmen. Ein wichtiger Schritt dabei war die Einrichtung eines Archivs. Denn wer die Werke von Komponistinnen bekannter machen will, der muss selbst forschen und sammeln und das vorgefundene Material der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Umfangreiche Sammlung in Frankfurt-Niederath

Was 1979 mit der Initiative einiger engagierter Frauen in Köln begann, ist heute eine umfangreiche Sammlung in Frankfurt am Main, die 26 000 Medieneinheiten umfasst, von Noten und Originalen über Tonträger und Konzertplakate bis hin zu ganzen Nachlässen. Auch Vorlässe von Komponistinnen wie Barbara Heller (geb. 1936), Tsippi Fleischer (geb. 1946) oder Violeta Dinescu (geb. 1953) lagern geschützt in den klimatisierten Räumlichkeiten in Frankfurt-Niederath. Insgesamt lassen sich inzwischen Werke von 1900 internationalen Komponistinnen und Dirigentinnen aus 52 Nationen im Archiv finden. Die abgedeckte Zeitspanne reicht vom 9. bis zum 21. Jahrhundert. Wer ein passendes Werk aus einer bestimmten Epoche oder in einer bestimmten Besetzung sucht, kann entweder selbst im Online-Katalog des Archivs danach recherchieren oder sich von den Mitarbeiter*innen gegen ein Entgelt dabei beraten lassen.

Darüber hinaus ist das Team rund um das Archiv Frau und Musik auf ganz unterschiedliche Weise damit beschäftigt, Komponistinnen* und ihre Werke in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Zum Beispiel mit Tagungen und Konferenzen. Im Oktober 2020 standen die vier Komponistinnen Felicitas Kukuck (1914–2001), Leni Alexander (1924–2005), Silvia Leonore Alvarez de la Fuente (1953–2004) und Weronika Aleksandra Markiewicz (1962–2003) und ihre jeweiligen von Flucht und Exil geprägten Lebensgeschichten im Fokus.

Vom 8. bis 10. Oktober 2021 wird in Kooperation mit «musica femina münchen» eine Konferenz zu Komponistinnen und Dirigentinnen im Musikleben heute stattfinden.

Chancengleichheit herstellen

Auch Benefizkonzerte, bei denen zum Teil noch unaufgeführte oder fast vergessene Werke von Komponistinnen auf dem Programm stehen, werden vom Archiv Frau und Musik regel-mässig veranstaltet. Andere Projekte widmen sich Themen wie z.B. der Erforschung des Frauenanteils in Berufsorchestern in Deutschland, um mit gesicherten Zahlen Ungleichheiten belegen zu können. In der Saison 2019/2020 beispielsweise wurden in der Bundesrepublik nur 7% der Abonnement-Konzerte von Dirigentinnen geleitet. Eine intersektionale Studie zur Situation von Diversität und Inklusion in Berufsorchestern, die auch andere Aspekte als das Geschlecht in den Blick nimmt, wurde, ebenfalls gemeinsam mit musica femina münchen, Anfang März veröffentlicht.

Um selbst einen Beitrag für mehr Chancengleichheit von Komponistinnen zu leisten, schreibt das Archiv Frau und Musik regelmässig ein Komponistinnen-Stipendium aus, das einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt in Frankfurt am Main ermöglicht. In diesem Jahr ist es die aus dem Iran stammende Komponistin Farzia Fallah (*1980), die im Herbst vom Archiv unterstützt am Main arbeiten wird.

Elke Mascha Blankenburg ist im März 2013 in Köln gestorben. Doch ihre Initiative für mehr Sichtbarkeit komponierender und musizierender Frauen lebt weiter, in Frankfurt am Main und an vielen anderen Orten der Welt.