Bewerbungen – unterschätzt und unverzichtbar

Bewerbungen – unterschätzt und unverzichtbar

13.03.2018

Die erste Hürde zur erfolg­reichen Bewerbung ist keines­wegs die eigene Qualifikation – es ist die Fähigkeit, ein gutes, authentisches und aussagekräftiges Bewerbungs­dossier zu erstellen.

Frank-Thomas Mitschke — Wie schön wäre es doch, wenn Bewerbungen so funktionierten, dass jemand die Bewerberinnen und Bewerber auf den Schultern zu ihrem künftigen Wirkungsort trägt, an dem sie von einem freundlichen Intendanten oder einer mit offenen Armen wartenden Musikschulleiterin herzlich willkommen geheissen werden. Ganz einfach, scheinen viele zu denken – die Stelle ist ausgeschrieben, ich bin nicht nur qualifiziert, sondern auch motiviert – also müssten die Chancen doch gut sein! Nur: die 68 anderen Bewerber sind oft ebenso qualifiziert wie motiviert!

«Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich….» Von dieser Standardform gibt es etliche Varianten bis hin zu dem wagemutigen «Ich entspreche Ihrer Ausschreibung voll und ganz – Suchen Sie nicht weiter, Sie haben die optimale Person schon gefunden!».

Doch hier ist Vorsicht ebenso geboten wie geschicktes Formulierungsvermögen. Eine schriftliche Bewerbung ist eine Visitenkarte, sie ist ein Schlüssel für das Tor zur Anstellung, und sie lässt einige Rückschlüsse auf den Verfasser zu. Dieses ungeheuer wichtige Schriftstück wird oft gelesen von gestressten Personalverantwortlichen, von lustlosen Sachbearbeiterinnen und nicht immer von dem Chef einer Kulturinstitution selbst, z. B. der Musikschulleitung.

Wer auch immer – er oder sie sitzt in der Abenddämmerung vor einem Stapel von 60 oder 70 Bewerbungen mit dem ebenso festen und tapferen wie nahezu undurchführbaren Vorsatz, die Besten herauszufiltern wie Goldnuggets aus Gesteinsbrocken.

Bei der Lektüre der 14. Bewerbung fällt auf, dass sich alle gleichen wie ein Ei dem anderen – sehr geehrte Damen und Herren – eine Liste der besuchten Meisterkurse – eine Liste der besuchten Wettbewerbe usw. Die Frustration des oder der armen Lesenden steigt umgekehrt proportional zur Anzahl der noch abzuarbeitenden Dossiers. Spätestens nach Nr. 24 sortiert er oder sie einfach nur noch nach Foto – was natürlich ebenso strengstens verboten wie grundverkehrt ist.

Was lehrt uns dies?

a) Eine Bewerbung ist nicht dazu da, den Schreiber zu überzeugen, sondern den Leser. Dieser will gern persönlich angesprochen werden – in der Regel nicht mit «Sehr geehrte Damen und Herren», das lässt vermuten, dass der Schreiber nur zu bequem war, den richtigen Ansprechpartner zu recherchieren. Und: der Leser will motiviert werden, das Bewerbungsdossier komplett zu lesen und nicht nur bis zur Hälfte des Anschreibens. Individualität und Authentizität sind gefragt! Die Bedeutung einer schriftlichen Bewerbung wird oft grotesk unterschätzt. Sie ist die erste Hürde zu einer möglichen Anstellung, und ohne sie zu nehmen, gibt es keine zweite!

b) Man wird tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch und einer Probelektion eingeladen. Schon geht die Problematik weiter: Man betritt ein Zimmer mit mehreren Personen – wem gibt man die Hand? Es gibt mehrere freie Stühle – wo setzt man sich hin? Wie offen reagiert man auf Fragen (wo sehen Sie Ihre Stärken/Ihre Schwächen?)? Gibt man sich bescheiden oder selbstbewusst? Lässt man die Kommission merken, wenn man nicht ihrer Meinung ist?

c) Bewerberin Luisa hat das Vorstellungsgespräch absolviert und soll nun in einer Lehrprobe eine Zweiergruppe Klavier unterrichten. Das ist nicht fair, denn die Kommission hat offenbar noch nichts davon gehört, dass man Klavier doch nur im Einzelunterricht unterrichten kann. Luisa ist klug genug zu erkennen, dass der Hinweis auf diese Erkenntnis wohl nicht gut ankäme und umgeht die Situation elegant, indem sie den einen Schüler bittet, sich für 15 Minuten still in eine Ecke zu setzen, ihn mit den Worten aufmunternd, er käme auch gleich dran. Nach 30 Minuten ist sie bass erstaunt über die harsche Kritik der Kommission, es habe sich doch keineswegs um Gruppenunterricht gehandelt.

d) Bewerberin Susanne setzt sich rechts neben die beiden Klavier-Eleven – mit dem Rücken zur Kommission, damit sie diese nicht durch ihren aufdringlichen Unterrichtsstil belästige. Wichtig ist ja schliesslich, dass die Probeschüler etwas lernen. Nach 5 Minuten ist sie erstaunt und verunsichert über den unfreundlichen Ausruf in ihrem Rücken «wir hören nichts!»

e) Bewerber Reto unterrichtet einen fortgeschrittenen Klaviereleven mit Beethovens erster Klaviersonate. Er beisst sich 28 von 30 Minuten an der korrekten Krümmung des rechten Mittelfingers fest, ohne ein Wort über musikalische Gestaltung zu verlieren. Die Kommission beleidigt sein Ego durch den Kommentar, es handle sich um eine Musikschule und nicht um eine Technikschule.

Muss das sein? Ist es tolerabel, wenn fachlich gut ausgebildete Menschen an Kollateralschäden scheitern? Oft sind es nicht die Berge, an deren Überwindung man scheitert – es können Kieselsteine sein, die einen zu Fall bringen!

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