Einbettung der  Improvisation im Musikunterricht

Einbettung der Improvisation im Musikunterricht

27.03.2019

Daniel Studer, Dozent für Improvisation an der Kalaidos Musikhochschule und an der UdK Berlin, beleuchtet die drei Felder der Improvisation

Daniel Studer — Improvisation kann in drei Bereiche aufgeteilt werden:

  • Improvisation ohne Vorgaben («Freie Improvisation»).
  • Stilistische Improvisation (Barock, Rock, Pop, Jazz, Volksmusik)
  • Improvisation mit Vorgaben (Konzepte, Übungen).

Beginnen wir mit der Improvisation ohne Vorgaben, die sich auf spontan entstehende Klanggebilde fokussiert, diese im Kollektiv entwickelt und zu einem Stück formt. Meistens bevorzugen Lehrende wie Lernende Vorgaben, damit sie sich an diesen festhalten können. Das ist verständlich, denn die Möglichkeiten, beim Spielen ohne Vorgaben scheinen einer unerfahrenen Person schier unendlich, und Unerfahrenheit bedeutet Unsicherheit. Dabei vergisst man, dass schon die ersten Klangkombinationen einer Improvisation eine Grundlage, eine Orientierung, ein zu entwickelndes «Thema» sein können. Orientierung am spontan Entstehenden kann im Unterricht immer wieder geübt und verinnerlicht werden. Die Musikerinnen und Musiker erarbeiten so prozessartig eine Musik, in der die individuellen Ideen im Kollektiv aufgenommen und zu einem Stück verschmolzen werden. Durch die Reflexion werden die musikalischen Bedürfnisse und Ziele geschärft. So entsteht sowohl eine individuelle Ästhetik als auch eine Gruppenästhetik, die bei den weiteren Arbeitsprozessen immer wieder überarbeitet werden. Dadurch werden das Selbstvertrauen und das Vertrauen in die anderen gefördert. Dies ist eine wesentliche Grundlage in der improvisierten Musik, aber nicht nur.

Improvisation ohne Vorgaben suggeriert die totale Freiheit im Handeln. Dies trifft nur zum Teil zu. Improvisation hat immer mit der eigenen musikalischen Erfahrung zu tun, somit mit der eigenen Ästhetik. Diese gründet in bewusst oder unbewusst abgespeicherten Hörerlebnissen, in den Erfahrungen des aktiven Spiels, in der Kommunikation. Die Improvisation ohne Vorgaben zielt darauf ab, das komplexe Zusammenspiel von Bewusstem und Unbewusstem auszuloten, zu verstehen und zu kanalisieren. Ohne Vorgaben zu improvisieren heißt, immer wieder zum Kern des eigenen Gestaltungswillens vorzustoßen und diesen im Kollektiv zu verifizieren. Durch die Eigenreflexion und die Reflexion innerhalb der Gruppe werden verschiedene Aspekte fokussiert. So entstehen lose «Regeln», die bei jeder neuen Improvisation überarbeitet werden. Je grösser die Erfahrung umso freier wird der Umgang damit.

Eine ähnliche Art des «sich Freispielens» gibt es aber auch in der Improvisation mit Vorgaben, in der stilistischen Improvisation, beim Spielen mit Konzepten, ja generell beim Umgang mit «vorgegebener Musik», die man sich aneignen will. Die Vorgaben müssen erfüllt, geprobt und genau ausgelotet werden. Grenzen und Freiheiten werden herausgeschält und so erarbeitet, dass eine eigene Sprache und ein spielerischer Umgang mit ihnen gefunden werden kann.

Austausch verschiedener musikalischer Felder wird zum Alltag. Vorbilder in der Musikgeschichte gibt es viele: Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Clara Schumann, Carla Bley, Anthony Braxton.

An den Musikhochschulen wird das Zusammenspiel von Improvisation, Interpretation und Komposition immer mehr gefördert. Für Lehrende wie Lernende und natürlich auch angehende Musiklehrerinnen und -lehrer ist das eine Bereicherung.

 

Daniel Studer
… unterrichtet Improvisation u. a. an der Kalaidos Musikhochschule.