Not macht erfinderisch – Musik in Zeiten von Corona

Not macht erfinderisch – Musik in Zeiten von Corona

29.04.2020

Eine Epidemie zwingt die Kultur in die Knie – oder doch nicht? Ein paar Gedanken zur momentanen Situation.

Frank-Thomas Mitschke — Ein hässlicher kleiner Virus schafft es offenbar, die Welt – und somit auch die Musikwelt – zu verändern. Ein kleines unansehnliches Ding von 160 Nanometern – das sind 160 Milliardstel Meter – mit dem Erscheinungsbild eines zu sehr aufgeplusterten, pickligen Fussballs legt die Welt lahm.

Furchtbar, tragisch und bedrohlich für die Menschheit! Unklare Zukunft bereitend für alle Kulturschaffenden! Und dennoch: In den wenigen Wochen, in denen wir bisher zuhause bleiben mussten, in denen die Wirtschaft weniger produzierte, in denen der Abfall reduziert wurde – was ist aus unserer Erde geworden? Plötzlich heisst es, die Qualität der Luft zum Atmen habe sich verbessert, die Gewässer seien sauberer geworden. In Venedigs Kanälen tummeln sich wieder Fische statt Touristen. In manchen Grossstädten riecht es nach Frühling statt nach Smog. Zum ersten Mal seit 30 Jahren ist der Himalaya wieder aus 200 km Entfernung sichtbar! Kann es sein, dass unsere Erde eine Radikalkur braucht, um sich zu erholen? Muss es sein, dass dies auf Kosten von Menschenleben geht? Gibt es nicht „sanftere“ Möglichkeiten, zu lernen, dass wir nicht ungestraft alle Ressourcen gnadenlos ausbeuten können?

Natürlich besteht die Gefahr, dass alle Formen von ausübender Musik - Konzerte, Opernaufführungen, Jazz-Sessions u. v. m. – die ersten sind, die in Krisenzeiten auf dem Altar des gefahrenbedingten Verzichts geopfert werden, und dass sie die Letzten sind, die man wieder zum Leben erweckt. Dies ist eine klare Existenzbedrohung für viele freiberufliche Musikerinnen und Musiker, und man wird sich Gedanken machen müssen, ob und wie es nach Ausnutzung der staatlicherseits zur Verfügung gestellten Ausgleichsmittel möglich sein wird, auf anderen Wegen – vielleicht auch durch Solidarität? – Hilfe zu leisten. Aber gleichzeitig ist auch immer stärker eine Art Widerstand zu spüren, eine erweiterte Kreativität – von einem Personenkreis, der ohnehin nicht wirklich für Einfallslosigkeit bekannt ist – und fast schon eine Art Aufbruchstimmung, welche die Menschen nicht zu Erduldern macht, sondern zu Gestaltern.

Viele, viele Institutionen, Konzerthäuser, Hochschulen, Musikschulen streamen Musik in die Wohnungen – kein Vergleich, was den Kunstgenuss betrifft, werden die Puristen sagen; sicher nicht, aber erstens besser als nichts und zweitens setzt es Zeichen, werden die Realisten sagen. Musikhochschulen bedienen sich digitaler Formen von Musik- und Wissenstransfer – Gleiches gilt auch hier: sicher ist das nur der zweitbeste Weg, aber es IST ein Weg! Und diese Nutzung der Möglichkeiten, die uns die digitale Welt bietet, bringt einen auf merkwürdige Gedanken: Einerseits sind es die Folgen der Globalisierung, welche die unfassbar rasante Verbreitung des Virus ermöglichen und diesen in wenigen Tagen über den ganzen Globus verteilen können – andererseits sind es genau diese Globalisierung, die Technisierung, die Digitalisierung, mit der wir der Bedrohung begegnen: Wir nutzen alles, was die technisierte Welt zu bieten hat, um den negativen Folgen dieser technisierten Welt etwas entgegenzustellen: Livestream, Skype, Zoom (wussten Sie, dass aufgrund der Nutzung digitaler Kommunikation die Stadt Bloomington in Indiana schon – inoffiziell natürlich nur – in Zoomington umbenannt wurde?) spielen auf einmal in unserem beruflichen wie privaten Leben eine übergeordnete Rolle. Was mögen unsere nächsten Schritte sein? Aufführungen von Kammermusik, bei denen die Interpreten auf verschiedene Kontinente verteilt miteinander Musik machen? Die Ausweitung der bis dahin teilweise für unmöglich gehaltenen didaktischen Umarbeitung von Unterrichtsstoff auf digitale Vermittlung? Werden Detailarbeit an der Phrasierung einer Beethoven-Sonate mit einem Dozenten in Zürich und einer Studentin in New York zur Normalität – auch wenn die Notwendigkeit der als Notlösung apostrophierten digitalen Unterrichtsform nicht mehr gegeben sein wird? Wie wird die jetzt weithin gelebte Kreativität unseren musikalischen Arbeitsalltag verändern, wenn eines Tages niemand mehr von Corona spricht?

Damit man mich recht versteht – die Situation ist nicht positiv und nicht schön! Ich hoffe wie alle, dass sie sich bald wieder normalisiert und wir alle wie gewohnt (wie gewohnt? Vielleicht doch etwas nachdenklicher? Besonnener? Mögliche Folgen stärker bedenkend?) mit physischer Präsenz, diskutierend, lachend und gestaltend einander begegnen! Aber ich bin auch beeindruckt von dem, was eine solche schreckliche Lage aus uns hervorbringt, nämlich Menschen, die sich nicht voller Verzweiflung ihr Schicksal aufoktroyieren lassen, sondern die ihr ganzes kreatives Potenzial freisetzen, um das Beste aus der Lage zu machen.

Mein Fazit: Seien wir vorsichtig, aber nicht hysterisch! Verdammen wir nicht die zweitbeste Lösung, sondern freuen uns, dass wir nicht die viertbeste nehmen müssen! Trauern wir nicht Dingen nach, die wir hatten, aber gegenwärtig nicht haben – sondern stellen wir uns auf die Situation ein, die momentan herrscht, betrachten wir sie als Herausforderung, wecken, erweitern und vervollkommnen wir unsere kreativen Potenziale - und geniessen wir das Leben! Wir haben nur das eine!