Gespräche mit Musikern

Gespräche mit Musikern

24.02.2021

Frank-Thomas Mitschke, Rektor der Kalaidos Musik-hochschule, im Gespräch mit Nuron Mukumi und Prof. Bernd Goetzke (1. Teil; der 2. Teil des Interviews folgt in der nächsten Ausgabe).

Frank-Thomas Mitschke — Bernd Goetzke ist Professor für Klavier an der Kalaidos Musikhochschule und an der Musikhochschule Hannover. Nuron Mukumi studiert im Bachelor-Studiengang bei Prof. Lev Natochenny.

Nuron, du bereitest gerade deine zweite CD vor, die dem op. 72 von Tschaikowsky gewidmet sein wird. Was hat dich zu diesem Stück bewogen, das man als Zyklus eher selten hört?

Ich bin mit der russischen Klavierschule in Usbekistan aufgewachsen. Damals war Tschaikowsky immer präsent. In der Schule schauten wir damals immer zu seinem ersten Klavierkonzert auf und nannten es «den König aller Klavierkonzerte».

Was mich fasziniert ist, dass Tschaikowsky oft das Orchester im Hinterkopf hat.

Deine erste CD mit Werken von Liszt wurde ja in den Medien – zu Recht – in den höchsten Tönen gelobt. Hat dies auch Verkaufserfolge gezeigt?

Herzlichen Dank! Sie ist im November 2018 erschienen und ein gutes Jahr lang wurde der Verkauf vor allem bei meinen Konzerten sehr positiv aufgenommen. Auch der Pizzicato Supersonic Award und die Nominierungen für den International Classical Music Awards und Opus Klassik 2019 haben viel dazu beigetragen.

Liszt, Tschaikowsky – das sind Komponisten, bei denen es durchaus «in die Vollen» geht – ist die romantische Klaviermusik deine Vorliebe? Wird es auch Pläne geben mit Klassik, Barock oder Moderne?

Durch die ungewöhnliche Idee meiner damaligen Lehrerin, Prof. Tamara Popovich, bereitete ich mich schon im Alter von zehn Jahren auf den Chopin Klavierwettbewerb vor und hatte ein riesiges Chopin-Repertoire! Im Rückblick ist es ein Glück, dass ich zwei Jahre später nach London gezogen bin und diese Idee nicht mehr verfolgt habe. Aber ja, ich bin auch mit anderen romantischen Komponisten wie Liszt und Tschaikowsky aufgewachsen und fühle mich Ihnen musikalisch eng verbunden.

Ich finde auch modernere Musik spannend, aber ich glaube dennoch, dass meine nächste CD nach Tschaikowsky op. 72 weiterhin aus romantischer Musik bestehen wird.

Dein Bachelorabschluss steht ja in greifbarer Nähe. Erzähl ein wenig über deine weiteren Pläne.

Ich freue mich darauf, im Frühjahr meinen Bachelor zu absolvieren und danach meine zweite CD aufzunehmen. Das flexible System der Kalaidos Musikhochschule hat sich für mich als sehr vorteilhaft erwiesen, da es mir erlaubt hat, weiterhin neben dem Studium viele Konzerte zu spielen und mein CD-Projekt zu realisieren. Ich plane, meinen Wirkungskreis in Europa zu erweitern und hoffentlich noch mehr Konzerte zu geben, wenn die aktuellen Einschränkungen beginnen, sich zu lockern.

Bernd Goetzke, Technische Übungen oder Technik anhand der Komposi-tionen erarbeiten - Wie halten Sie’s?

Ich unterrichte junge Pianisten und Pianistinnen, deren physische Entwicklung weitgehend abgeschlossen ist. Dennoch vergeht keine Unterrichtsstunde, in der technische Aspekte nicht eine Rolle spielen würden. So ist das Feld der differenzierten Klangproduktion ein unendliches. Hier geht es nicht mehr um die Grund-Leistungskapazitäten von Nerven, Sehnen und Muskeln, sondern um die riesigen Variationsmöglichkeiten unseres Spielapparates, ich nenne dies «technische Phantasie» – jeweils in Abhängigkeit von der angestrebten Nuance.

Im Kindesalter und der frühen Jugend rate ich unbedingt zu sehr intensiver technischer Arbeit, gerne mit Tonleitern, Dreiklängen etc. Als ich noch hin und wieder sehr junge Schüler hatte, habe ich dann Dutzende von selbstgemachten Übungen hinzugefügt, um diese Arbeit abwechslungsreich zu halten.

Wenn bei der Arbeit «am Stück» bestimmte technische Fragen oder Probleme von eher «sportlicher» Natur auftauchen, versuche ich, den Kern des Problems zu erkennen und diesen mit Übungen zu bearbeiten. Das können dann wieder selbsterdachte Übungen sein oder auch gezielt ausgewählte Übungen aus der bekannten, reichen Technikliteratur. Wenn es dann zur Anwendung am Stück kommt, wird dieses auch nochmal ein wenig leiden müssen, aber die vorgeschaltete grundsätzliche Problembehandlung kürzt diesen Prozess günstigenfalls sehr ab.

Gibt es technische Kompendien, die Sie nachdrücklich empfehlen würden?

Alles ist gut, wenn man es gut macht, und nichts ist gut, wenn man es falsch macht. Will sagen: man kann mit stupiden Sequenz-Übungen bei gescheiter Anwendung Fortschritte herbeiführen, man kann mit geistreich erdachten Übungen Schaden anrichten. Ich hatte mal davon geträumt, einen Technikband herauszugeben, bei dem noch eine Demo-DVD dabei liegt. Es geht also nicht nur um den reinen Text der Übungen, sondern in hohem Maße um die Qualität der Ausführung, auch um die beste Balance von Leistungsreiz und Entspannung, sogar um den Sitz am Instrument und vieles mehr.

Ich empfehle die ersten 3 Seiten der Dohnanyi-Übungen, vielleicht 20 der Brahms-Übungen, vorsichtig garniert mit Pischna, Czerny, Clementi, ein bisschen Cortot… Natürlich kommt dann die Zeit, in der die großen Etüden-Sammlungen unverzichtbar werden.

Was halten Sie von solchen – ja als Kompositionen durchaus eigenständigen – Werken wie die Chopin-Studien von Godowsky oder Friedrich Wührer?

Es ist durchaus eine gute Sache, an Grenzen zu gehen, solange man da nichts zu erzwingen versucht. Man kann von solcher Spezial-Literatur durchaus profitieren, dann geht vielleicht eine Mozart-Sonate plötzlich leichter von der Hand. Und dies funktioniert auch noch in späteren Jahren.

Im Laufe des Lebens geht es ja auch mehr und mehr darum, nicht einzurosten. Und auch hier kann solche Literatur gute Dienste leisten, zumal sie oft kompositorisch reizvoll ist. Man muss sie ja nicht unbedingt auf die Bühne bringen. Dies mögen Spezialisten aber gerne tun.