Notwendiges Übel oder clevere Prävention

Notwendiges Übel oder clevere Prävention

23.02.2021

Der Mensch lebt in einer Welt, in welcher er sich auf unzählige Weise verletzen kann und er hat mit Erfahrung gelernt, sich dagegen zu schützen. Nur wie sieht es mit dem Gehörschutz aus?

Michael Bühler — Dass wir einen Helm tragen, wenn wir aufs Velo steigen, einen Rückenprotektor anziehen, wenn wir das Snowboard anschnallen, Sonnencrème einschmieren, wenn wir uns in die Sonne legen, Schuhe mit einer Stahlkappe tragen, wenn auf dem Bau gearbeitet wird oder Handschuhe anziehen, wenn wir die Rosen im Garten schneiden, wird heute nicht nur als vernünftig oder normal angesehen, nein es ist sogar cool geworden.

Nur wie sieht es aus, wenn es darum geht, sich gegen Verletzungen des äusserst sensiblen Gehörs zu schützen? Und hier steht nicht der Schutz gegen ohrenbetäubenden Lärm im Schützenverein oder beim Umgang mit einer kreischenden Kreissäge im Vordergrund, wo der Einsatz von Gehörschutz heute als normal gilt. Es geht hier vielmehr um die Frage, wie man sich gegen Musik schützt. Vielleicht mag das paradox erscheinen, aber Musik, die unser aller Leben täglich bereichert, sei es beim Autofahren, beim Feierabend-Bier in einer Bar, beim Tanzen in einem Club oder aber auch an einem Pop- oder Rock-Konzert, hat auch eine gefährliche Komponente. Denn rein physikalisch gesehen breitet sich die kinetische Energie von Schall eines startenden Düsenjet genauso aus, wie jene einer Violine, einer Blockflöte oder einer Posaune, auch wenn wir Musik in den meisten Fällen als harmonisch und wohlklingend empfinden.

Setzt man seine Ohren aber ungeschützt zu oft oder zu lange solchem musikalischem «Lärm» aus, kann das sensible Innenohr dadurch überlastet und irreversibel beeinträchtigt oder sogar beschädigt werden. Die Folgen sind nachhaltige Beeinträchtigungen des Hörvermögens, psychisch kaum zu ertragende Pfeifgeräusche (Tinitus) oder aber sogar der vollständige Hörverlust.

Und auch wenn man diese Gefahren weitgehend erforscht hat, werden auch heute noch entsprechende Gehörschutz-Massnahmen im Bereich Musik nicht ausreichend angewendet. Hand aufs Herz: Tragen Sie an einem Rock-Konzert, bei dem man sich anschreien muss, um sich zu unterhalten, bei der Arbeit als Berufsmusiker/in, in einem Sinfonieorchester oder bei der wöchentlichen Tambouren- oder Brass-Band-Probe einen Gehörschutz? Warum nicht? Sind Sie sich der Gefahr, der Sie sich aussetzen, einfach nicht bewusst oder genieren Sie sich, die leuchtend gelben «Oropax» in die Ohren zu stecken, wenn es mal richtig laut wird?

Genau dieser Frage ging eine Studie der Forschungsabteilung der Kalaidos Musikhochschule in Zusammenarbeit mit der SUVA intensiv nach.

Dabei sollte nicht nur herausgefunden werden, warum sich das Publikum zu wenig schützt, sondern insbesondere warum Amateur- oder Berufsmusiker/innen den für das Musizieren wichtigsten Sinneswahrnehmung ungeschützt grosser Verletzungs-Gefahr aussetzen.

Auf Grund dieser Studie weiss man heute u.a., dass «Non-Doers» (also Nicht-Träger/innen von Ge-hörschützen) von Amateur- und Berufsorchestern sich genieren, einen Gehörschutz zu tragen oder be-fürchten, dass sie von Kollegen/innen, welche einen solchen verwenden (also den «Doers»), negative Kommentare ernten.

Falls Sie – liebe «Non-Doers»– Ihre Verweigerung darin wiedererkennen: die Studie zeigt auch auf, dass dem ganz und gar nicht so ist. Sowohl Profi- als auch Amateur-«Doers» haben durchaus Verständnis – sie werden Sie wahrscheinlich sogar verantwortungsvoll und cool finden.

Die Auswertungen zeigen aber auch, dass sich jüngere Amateure grundsätzlich besser schützen, als ältere, dass sich besser schützt, wer schon einmal einen Schaden erlitten hat, dass sich die Einstellung gegenüber Gehörschutz bei Musizierenden zwar verbessert hat, jedoch noch immer nicht verbreitet genug ist oder dass die Sensibilisierung je nach Instrumentengruppe oder Formation sehr unterschiedlich zu sein scheint.

Im Anschluss an die Auswertung der in der Studie gesammelten Daten wird die Kalaidos nun damit beginnen, spezifische Gruppierungen mit entsprechenden Workshops über die allfälligen Schäden aufzuklären, über die Anwendung und Wirkung von technischen Hilfsmitteln zu informieren und für Gefährdungsbewusstsein und Prävention zu sensibilisieren.

Wer sich mit der Thematik auseinandersetzt, wird rasch feststellen, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, sein Gehör zu schützen. Da wären zum einen die allseits bekannten «Oropax», die den Lärm effizient dämpfen und zwar oft gratis abgegeben werden oder kaum etwas kosten, jedoch vielleicht unangenehm im Ohr sein können. Oder aber Sie gönnen Ihrem Ohr einen etwas teureren, dafür aber individuell angepassten Gehörschutz, den sie schon nach wenigen Minuten vergessen haben.

Und wenn Sie – was vor allem unter Berufsmusikern weit verbreitet ist – befürchten, ein Gehörschutz verändere die Wahrnehmung des lange erarbeiteten Klangs des eigenen Instrumentes, müssen Sie wissen, dass die mittlerweile ausreiften Filter von angepassten Otoplasten (also extra für Sie angefertigte Stöpsel), die es sogar in dezenter Hautfarbe gibt, den Frequenzbereich linear dämpfen, sodass primär die Lautstärke und nicht der Klang verändert wird.

Klar, das Tragen eines Gehörschutzes ist Gewohnheitssache – aber wie heisst es so schön: man gewöhnt sich an Allem (sogar an dem Dativ).

Also liebe «Non-Doers»: fassen Sie sich ein Herz (oder noch besser: ein Ohr) und werden Sie zum/r überzeugten «Doer/in» – Ihre Ohren werden es Ihnen ein Leben lang danken.