Überlegungen und eine Glosse 
Facing the future

Facing the future

15.11.2016

Das Jahresende ist die Zeit des Zurück- und Nach-vorne-Blickens. Die Schweizer Musikhochschulen bewegen sich in einem auf die Zukunft ausgerichteten Umfeld. So sollen hier Überlegungen und Anregungen aus und über die Musikhochschulen bezüglich der Zukunft der Studierenden zur Sprache gebracht werden.

Daniel Weissberg — Als wir vor 15 Jahren den Studiengang Musik und Medienkunst konzipierten, gehörte der CD-Rom eine angeblich blühende Zukunft, die wir in der Ausbildung zu berücksichtigen hätten. Vom schon seit Jahren blühenden Geschäft mit Musik für Computerspiele ahnten auch Experten damals noch nichts. Was eine CD-Rom ist, wissen heute nur noch wenige.

Facing the Future

Auf Schweizerdeutsch wird die Zukunft mit der Gegenwartsform ausgedrückt. Kaum etwas wird so schnell von der Gegenwart überholt wie Zukunftsvisionen. Facing the future, zu Deutsch: der Zukunft ins Gesicht schauen. Zu den genuinen Merkmalen der Zukunft gehört ihre Gesichtslosigkeit, die sie zur Projektionsfolie für allerlei Wünsche und Befürchtungen macht – und die kommen nicht aus der Zukunft.

Facing the Past

Vielleicht haben Musikhochschulen einst zu lange zu einseitig der Vergangenheit ins Gesicht geschaut. Das Gegenteil von einem Fehler wäre allerdings auch ein Fehler.

Facing the Pres(id)ent

Das einzige, das wir über die Zukunft wissen, ist die Gegenwart. Da hat das Schweizerdeutsch schon Recht.

Daniel Weissberg

… leitet seit 15 Jahren gemeinsam mit Michael Harenberg den Studiengang Musik&Medienkunst im Fachbereich Musik der HKB.

> www.medien-kunst.ch

 

Matthias von Orelli — Wie sehen die Musikhochschulen ihre Zukunft und jene der Studierenden, wie nehmen diese Fragen die Studierenden selber wahr? Anbei die Gedanken eines Studierenden aus Lugano sowie Überlegungen dazu von den Musikhochschulen Bern und Lausanne.

Der nordirische Dirigent Darren Hargan (*1983) absolviert aktuell (obschon er bereits einen Namen als Pianist und Coach hat) den Master of Arts in Music Performance (Ensemble conducting – contemporary repertoire) an der Scuola Universitaria di Musica/Conservatorio della Svizzera italiana in Lugano. Er ist ein junger Musiker, der sich vertieft mit den Fragen der Zukunft des Musikerseins, der Verantwortung und dem Stellenwert der Ausbildungsstätten auseinandersetzt. Im Gespräch betont er, welch enormen Stellenwert die Musik hat.

Er sieht in der Musik ein Fundament unserer Gesellschaft, die nicht nur den Geist anregt, sondern uns auch zu Koordination und Ausdruck befähigt. Nachdem Hargan den Entschluss gefasst hatte, Musik zu studieren, half ihm das Glück hinsichtlich seiner eigenen beruflichen Zukunft. Im Anschluss an die Studien an der Royal Academy of Music in London bekam er eine Festanstellung am Opernhaus Zürich, was ihm den Berufseinstieg erleichterte. Doch, so Hargan, müssten Studierende unbedingt verstehen, dass eine Musikhochschule, so gut sie auch sein mag, sie nicht wirklich auf das tägliche Leben im Musikgeschäft vorbereiten könne. Es gelte für jeden Musiker, für jede Musikerin, täglich zu lernen, um der Zukunft gewachsen zu sein. Umso entscheidender sei es daher auch, dass die verschiedenen, international angesehenen Musikhochschulen in der Schweiz ein jeweils individuelles Profil aufweisen, um talentierte Musikerinnen und Musiker ihren Fähigkeiten entsprechend fördern zu können.

Businessfragen

Auf die Zukunft angesprochen sieht Hargan für die Musikhochschulen besonders dort eine Herausforderung, wo sie den Studierenden helfen können, eine eigene Stimme im immer schneller werdenden Musikmarkt zu finden. Für ihn kann eine Musikhochschule nur dann erfolgreich sein, wenn sie die Möglichkeit hat, eine Verbindung zwischen Ausbildung und Musikerberuf herzustellen und gleichzeitig die Studierenden anhält, ebenso viel Zeit in Businessfragen wie ins Üben ihrer Kunst zu investieren. Hargan erachtet es als aussichtslos, wenn man bloss fähig sei, eine bestimmte Stückauswahl überdurchschnittlich virtuos spielen zu können, ohne sich dabei (ökonomischen) Fragen zur Karriereentwicklung zu stellen. Noch ein anderes Thema beschäftigt ihn sehr: die Kinder. Sie seien unsere Zukunft, und der junge Dirigent bezeichnet es als Schande, dass so viele Kinder nie die Möglichkeit haben werden, in der Schule ein Instrument zu spielen oder ein Konzert besuchen zu können. Zwar erlernten manche Kinder die notwendigen praktischen Fähigkeiten, doch versage das System oft darin, indem diese Kinder ihr schöpferisches Potential nur ungenügend ausschöpfen könnten.

«So haben viele Kinder die grossen musikalischen Errungenschaften der Menschheit nie kennengelernt, etwa Beethovens Musik, die Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker inspiriert hat», unterstreicht Hargan. Dass man nach dem Fall der Berliner Mauer dessen Neunte spielte zeige, dass man darin die einzig richtige Antwort auf eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des 20. Jahrhunderts sah. «Auch deswegen hat die klassische Musik ihre Existenzberechtigung, und wir alle sind», so Hargan, «verpflichtet, uns dafür einzusetzen, dass alle Teile der Gesellschaft den Wert und die Notwendigkeit sehen, welche die Kunst für das Leben der Kinder hat.» Würden sie von dieser Erfahrung ausgeschlossen bestehe die Gefahr, den Vorteil zu verpassen, der ihnen die Musik hätte bringen können. «Ausser Frage – die Musik muss eine Zukunft haben. Die Welt verändert sich schneller und schneller, und wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten, uns mit Menschen auf der ganzen Welt zu vernetzen.» Hargan ergänzt, dass doch gar keine Zeit bleibe, über die Schultern mit nostalgischer Wehmut in die Vergangenheit zu blicken. Als Kind des 21. Jahrhunderts müsse man diese Möglichkeiten mit offenen Armen entgegen nehmen und der uns allen Menschen instinktiver Eigenschaft folgen: Gestalten!

Überlegungen der HEMU

Auf die Rolle der Studierenden der Zukunft angesprochen spielt die Gesellschaft auch aus Sicht der Haute École de Musique de Lausanne (HEMU) eine zentrale Rolle. Studierende sollen ein Bewusstsein für die Stellung und Rolle, welche Musiker und Künstler in der Gesellschaft einnehmen, entwickeln, wobei Neugierde und Offenheit gegenüber anderen Kunstformen und die Absicht, Verbindungen mit diesen zu ermöglichen, besonders betont werden. Genauso wie es Darren Hargan sich wünscht, wird auch aus Sicht der Hochschule das Bewusstsein gefordert, dass zukünftige Studierende nicht nur in der Lage sein müssen, den Anforderungen eines Arbeitsmarkt in ständiger Entwicklung gerecht zu werden, sondern auch Innovationen mittragen sollten, die das Musikgeschäft beeinflussen. Das Verständnis für eine zukünftige Musikkultur bestehe darin, offen gegenüber der Welt aufzutreten, in der aktuellen Zeit zu leben und sich gleichzeitig dem kulturellen Erbe bewusst zu sein sowie die Notwendigkeit zu erkennen, dieses Erbe (ohne nostalgischer Wehmut) lebendig zu machen und in unsere Zeit zu übertragen.

Die Studierenden von morgen seien daher angehalten, so die Überzeugung der HEMU, sich Hilfsmittel anzueignen, um ihre musikalische Praxis weiter zu entwickeln, die eigenen beruflichen Ziele zu definieren, um einen Platz in der Gesellschaft zu finden und diese Werte und Fähigkeiten so breit wie möglich zu teilen. Abschliessend geht der Appell an alle: «Seid Unternehmer; seid genauso in der Improvisation von Jazz-Standards wie bei Mozart zuhause und versucht herauszufinden, wie man sich an der Musikhochschule am besten bedient, indem man sein eigenes Angebot zusammenstellt und aktiv an der Entwicklung des Lehrplans innerhalb der akademischen Anforderungen teilnimmt.»


Beilage in SMZ 12/2016

Unter dem Titel Musik und Migration publiziert die KMHS mit dieser Ausgabe der Schweizer Musikzeitung erstmals ihre jährliche Beilage. Das Ziel der Publikation ist es, die Breite und Fülle der Schweizer Musikhochschulen hinsichtlich einer ausgewählten und brennenden Thematik zu beleuchten. So war es naheliegend, die Thematik Musik und Migration aufzugreifen – spielt sie nicht nur aktuell eine grosse geopolitische Rolle, sondern steht auch im politischen Kontext der Schweiz im Brennpunkt. Sie betrifft damit ebenso die international ausgerichteten Schweizer Musikhochschulen: Studierende und Dozierende, die ihre Heimat verlassen und in einem anderen Land heimisch werden, Musikerinnen und Musiker, die einen grossen Teil ihres Lebens auf Reisen sind und ihre Heimat selten sehen. Dies sind nur zwei Aspekte, die in der Beilage behandelt werden. Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre.

Sous le titre Musique et migration, la CHEMS publie avec cette édition de la Revue Musicale Suisse son premier supplément annuel. Le but de cette publication est de mettre en lumière la diversité et la richesse des Hautes Écoles de musique suisses en relation avec une thématique donnée. Le thème Musique et migration s’est imposé comme une évidence au regard du rôle important qu’il joue actuellement non seulement au niveau géopolitique, mais également dans le monde de la musique: il suffit de penser aux étudiants et aux professeurs qui quittent leur patrie pour suivre leur formation et doivent trouver leurs marques dans d’autres contrées et aux musiciens qui passent une grande partie de leur vie à voyager et voient rarement leur pays d’origine. Ce ne sont que deux aspects de cette thématique, que ce supplément se propose d’explorer. Nous vous souhaitons une agréable lecture.