«Der Graben wird verschwinden»

«Der Graben wird verschwinden»

01.11.2018

Klassik und Jazz&Pop … Wir sprachen mit Käthi Gohl Moser und Bernhard Ley über ihre Erfahrungen mit den Wettbewerben des SJMW.

Hans-Ulrich Munzinger — Käthi Gohl Moser (KG), jahrelang an der Hochschule für Musik FHNW in Basel unterrichtend und leitend tätig, ist die Präsidentin der Fachkommission Klassik. Bernhard Ley (BL), Präsident der Fachkommission Jazz&Pop, leitet das Institut Jazz der Hochschule für Musik FHNW, wo die letzten Austragungen des SJMW Jazz&Pop-Wettbewerbs stattgefunden haben.

Ein bewährter und ein junger Wettbewerb

BL: Jazz-Wettbewerbe haben nicht die lange Tradition wie Klassik- Wettbewerbe. Noch heute gibt es in der Jazzszene weniger Preise. Die Fondation SUISA hat sich zum Beispiel soeben aus dem Jazzpreis zurückgezogen. Generell kümmert man sich von der Jazzseite her weniger um Preise.

KG: Es braucht also Anschub – warum? Was denkst du?

BL: Der Jazz vertritt eher die Haltung, dass man für sich selber stehen will. Die Betonung des Individuellen, der Erfindung, der Erneuerung sind kennzeichnend dafür. Man will sich im Jazz auch weniger messen lassen. Das Formale (zum Beispiel die hohe instrumentale Präzision) ist hier weniger wichtig als in der Klassik.

KG: Das Dilemma ist auch uns bekannt! Auch bei uns kann man ja mehr das Handwerkliche messen; das Individuelle, die Kunst ist eigentlich nicht messbar. Zum Glück haben die «dressierten» Leistungen im Wettbewerb abgenommen. Musizieren, mit persönlichem Ausdruck aus dem Moment heraus, ist heute stärker vertreten.

BL : Der Vorteil, dass wir heute auch einen Jazz&Pop-Wettbewerb haben, liegt klar darin, dass wir als Sparte wahrgenommen, ernst genommen werden: Anerkennung für langjährige Aufbauarbeit. Es gibt heute eine gegenseitige Wertschätzung zwischen den Sparten und damit einen höheren Wissenstransfer ...

KG : … was ja auch die gesellschaftliche Situation spiegelt. Die Musikschulen kümmern sich schon länger um eine Öffnung …

BL: … und auch seitens des Jazz ist es das Bestreben, diesen an die Basis, in die Musikschulen zu bringen. Es geht um die Qualität: Gute Förderung ist das Ziel. Der wahre Spirit dieser Musik soll vermittelt werden.

KG: Gerade in unserem Anfängerunterricht ist es wichtig, dass Musik auch mal «groovt». Die Spezialisierung erfolgt später. Auf die Offenheit und den Mix legen die Musikschulen grossen Wert.

BL : Aber noch sind es zu wenige, die als Lehrer den Jazz und die Popmusik pflegen und vermitteln können. Ein gewisses Ungleichgewicht zeigt sich noch heute an den Hochschulen. Aber die Anerkennung ist gewachsen. Der Graben wird verschwinden. Den Freiraum zu füllen, den diese Musik bietet, ist allerdings anspruchsvoll. Jeder muss den eigenen Weg finden. Ich selber fand es in meiner musikalischen Jugend einfacher, eine Etüde zu perfektionieren als eine Improvisation ergreifend zu gestalten! Dieser Anspruch lag in unglaublicher Höhe …

KG: Manchmal hatte ich am Jazz&Pop-Wettbewerb den Eindruck von «eingeübter» Improvisation, quasi Komposition … Täuscht mein Eindruck?

BL: Die strukturierte Improvisation ist der Anfang, erst später folgt die offene, freie. Aber das gehört zum Jazz, der ja aus der gesamten Musiktradition gewachsen ist: aus Elementen der klassischen Komposition, aus dem Volkslied und vielem anderen. Ich sehe eine Phase kommen, wo auch der Jazz tiefer in harmonische und rhythmische Strukturen eindringt, komplexer wird, wobei ich es wichtig finde, das ursprüngliche Einfache nicht zu verlieren.

Wettbewerb als Förderung von Personen

BL: Von einem Musiker, einer Musikerin erwarte ich auch am Wettbewerb Leidenschaft und Inspiration. Jurys sollten dies wertschätzen. Sie sollten die Unterscheidung machen können: zum einen, was als Voraussetzung da sein muss: Freude, Mitteilungsdrang – und dass anderes, das jetzt viel-leicht noch fehlt, gelernt werden kann. Normierte Kritik, die darauf zu wenig Rücksicht nimmt, kann auch zerstören.

KG: Die Beurteilung nach «Fehlern» ist ja sowieso kunstfern! Wenn ich daran denke, wie stark Lehrer-Schülerverhältnisse noch heute den Wettbewerb prägen, frage ich mich schon: Wo bleibt die Freiheit? Sind Bands hier offener?

BL: Ja, es gehört vielleicht zum Jazz: der Traum, nicht an den «Fehlern» gemessen zu werden. Unsere Musik wird im Ensemble entwickelt, es ist ein Zusammenwirken. Alle steuern mit. Die Schulen sollten das mehr fördern ... Gruppenunterricht …

KG : … voneinander lernen! …

BL: … im Campus ist es möglich, er wirkt als Impuls. Vom «freien» Musizieren zu mehr Struktur zu wechseln, scheint mir einfacher als umgekehrt.

KG : Wir haben eine Lotsenfunktion: der Musik mit dem nötigen Kontextwissen zu einer adäquaten Aufführung zu verhelfen.

Sinnvolle Wettbewerbe

KG: Wettbewerb kann helfen, erfolgreich zu sein. Wichtig ist, dass man lernt, das künstlerische und spieltechnische Können auch unter kompetitivem Druck zu üben und damit das für die berufliche Zukunft wichtige Selbstvertrauen aufzubauen.

BL : Am Wettbewerb sammelt man Erfahrung. Das spätere Berufsleben wird abgebildet. Es schult auf das Spätere.

KG: Es sollte, gleich, ob es einen Preis gibt, eine gute Erfahrung sein … ein Feedback für die weitere Entwicklung … Grenzen kennen lernen und überschreiten.

BL: Come together heisst unser Wettbewerb, das sagt alles.

KG : Mehr Neue Musik!, das wünsche ich mir für den SJMW schon lange. Das betrifft dann aber auch die Schulen!

BL: Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass es mit noch breiterer Trägerschaft der wichtigste Jazz&Pop-Wettbewerb der Schweiz wird.

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