Jahrestage 
und Jubiläen

Jahrestage 
und Jubiläen

IB/BZ, 06.03.2013

Das Jahr 2013 ist sowohl ein Verdi- wie auch ein Wagnerjahr – nicht zu vergessen auch Arcangelo Corelli und Benjamin Britten gehören zu den Gefeierten. Handelt es sich bei Jubiläen nur um eine Marketingstrategie? Die Schweizer Wissenschaft und Kulturszene gibt Antwort.


Ob Publikationen, Konzertprogramme, journalistische Beiträge oder Neueinspielungen, auch dieses Jahr holen Wissenschaft und Kulturszene maximalen Gewinn aus den Festivitäten. Reisegesellschaften bieten Themenexkursionen an, das Haus Wahnfried in Bayreuth wird saniert und neugestaltet, Wissenschaftler organisieren Tagungen, arbeiten an neuen Publikationen und Opernshows sind Inhalt von Printmedien und Fernsehen. Warum feiert man Gedenkjahre?


George Egloff, Festival La Perla 


Sicherlich ist das Jubiläum ein zusätzliches Argument in der Vermarktung. Aber, egal ob Verdi oder Wagner, die Opern-Produktion muss als Produkt qualitativ hochstehend sein. Der Komponistenname oder sein Jubiläum allein ist kein Verkaufsargument.


Nina Steinhart, Lucerne Festival


Die Komponistenjubiläen sind für uns ein aktueller Anlass, das Werk eines Komponisten zu würdigen. Es ist wichtig, mit unserem Konzertangebot auch auf aktuelle Bedürfnisse des Publikums einzugehen. 


Peter Hagmann, Redaktion NZZ Feuilleton


Annus horribilis: Mir könnten sie gestohlen sein, die Jahr für Jahr anfallenden Jubiläen. Diese künstlich erzeugten Erregungen, diese Hektik der PR-Agenturen, diese Springflut an zusätzlichen Veranstaltungen, dieser Sturzbach an Publikationen zum Lesen und zum Hören. Und die beklemmende Verpflichtung, das Stimmengewirr mit einer möglichst lauten oder wenigstens möglichst originellen Wortmeldung zu übertönen. 


Ist es nicht zum Davonlaufen? Natürlich ist es das. Aber so ist der Betrieb. Entziehen kann man sich dem nicht; «Augen zu und durch» ist die Devise, die angesagt ist. Es gibt auch die Gelegenheit, wieder einmal genauer hinzuschauen – und dabei vielleicht doch das eine oder andere zu entdecken. Aber «The Best of Benjamin Britten» auf CD kann mir wirklich gestohlen bleiben.


Beat Wyrsch, Direktor Theater Biel Solothurn


So nervig das Ausschlachten von Gedenkjahren einem erscheinen mag, so absolut notwendig sind sie. Die Kultur muss jeden Auftritt nützen, der ihr heutzutage überhaupt noch zugestanden wird. Das Verschwinden von ernstzunehmenden Kulturanlässen aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein ist dramatisch. Die Fragmentierung unserer Gesellschaft in diverse Zielpublikumskreise mit eigener Wahrnehmung schreitet voran. Themen von allgemeinem Interesse reduzieren sich immer mehr auf spektakuläre Einzelereignisse. Dabei spielt die traditionelle Kultur nur noch eine marginale Rolle. 


Und doch würde ich dem Umstand eine kleine Chance geben, denn mittlerweile geht es um die grundsätzliche Frage: Wie wecke ich Interesse für die klassische Musik?


Anselm Gerhard, Professor für Musikwissenschaft


Gedenkjahre sind eine Chance: Ein Jahr lang wird der Fokus der Öffentlichkeit auf einen Komponisten gerichtet. Neue Entdeckungen, neue Perspektiven auf scheinbar Altbekanntes sind möglich, auch die rücksichtslose Frage, was der jeweilige Meister für uns heute eigentlich noch bedeutet.


Gedenkjahre sind ein Fluch: Sie wirken allzu oft nur als sinnentleerte Verstärkereffekte des «business as usual». Das Altbekannte wird unverändert zelebriert, die eingeschliffenen Vorurteile und Halbwahrheiten werden nachgebetet, eine Menge an überflüssigen Büchern und oft sträflich schlecht recherchierten journalistischen Beiträgen publiziert.


Noch schlimmer als ein Gedenkjahr ist aber das Zusammentreffen mehrerer Gedenkjahre – als ginge es darum, wie viele Punkte ein Federer und ein Nadal im WTA Ranking sammeln können. 


Fazit


Stösst eine Verdioper in einem anderen Jahr auf weniger Interesse oder ist ein Concerto Grosso von Arcangelo Corelli im Jubiläumsjahr ein Publikumsmagnet? Schliesslich will niemand abstreiten, dass in Gedenkjahren neue Erkenntnisse publiziert und hörenswerte Konzerte gespielt werden. Jedoch bekommt man genau soviel Unsinn serviert, weil alle den Gefeierten die obligatorische Aufmerksamkeit schenken wollen. Entziehen kann sich diesem Jubiläumsfanatismus niemand, darüber sind sich die Befragten wohl einig. Man könnte diese Beachtungspflicht hingegen in einem etwas angemesseneren und möglichst nützlichen Rahmen erfüllen. Als Marketingstrategie funktionieren Jahrestage nur dann, wenn auch in Nicht-Gedenkjahren ein Interesse an Komponisten und ihren Werken besteht. Oder merkt man der Musik an, dass der Autor zufälligerweise vor 50, 100 oder 200 Jahren geboren wurde?


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