Miraculum in opera

Miraculum in opera

IB/BZ, 09.05.2013

Deus ex machina – so heisst der Verantwortliche für die künstlich erzeugte positive Wende in der Oper. In Piccinnis «La Cecchina» ist es der plötzlich auftauchende «Soldat Tagliaferro», der die Liebe zwischen Cecchina und dem adligen Marchese ermöglicht. Diese Praxis des lieto fine gab Anstoss zur Beschäftigung mit dem Thema Wunder auf der Bühne. 


«Wunder (Miraculum), eine Begebenheit od. ein Ereigniß, welches nach dem Laufe der Naturgesetze u. der Wirksamkeit der natürlichen Ursachen unmöglich ist u. als dessen das außerordentliche Eingreifen einer über die Natur erhabenen Macht zu denken sein würde.»


Mit diesen Umschreibungen wird der Artikel Wunder in Pierer's Universallexikon 1857 eingeleitet. Laut der zitierten Definition existiert eine über die Natur erhabene Macht, welche das Schicksal zu lenken vermag. Von den rein religiösen Deutungsversuchen hat man sich wohl Mitte des 19. Jahrhunderts bereits verabschiedet. Zwar versuchte die Menschheit seit der Aufklärung immer mehr Naturphänomene und medizinische Begebenheiten rational zu erklären, die bestimmende Macht zu bewältigen, trotzdem bleiben zahlreiche Abläufe und Erscheinungen unerklärt. Unser Streben nach Berechenbar- und Kontrollierbarkeit führt dazu, dass wir heute kaum mehr an Wunder glauben. Ein Wunder ist im gegenwärtigen Alltag schon beinahe negativ konnotiert: Nicht-Wissen, Unvermögen, Ungebildetheit sowie Aberglauben an das Übernatürliche dominieren den aktuellen Wunderdiskurs. 


Die Sehnsucht nach einer unabsehbaren positiven Wende jedoch bleibt: Wer dieser Rationalität entfliehen möchte, geht ins Theater. Seit jeher werden Wunder auf der Bühne künstlich reproduziert: Ob in personifizierter Form als dramaturgischer Drehpunkt ins positive Opernende oder durch die Erfüllung jeglicher Träume oder Rachesehnsüchte. Das Theater bleibt ein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten.


Wege zu «La Cecchina»


Das 1760 in Rom uraufgeführte dramma giocoso La Cecchina ossia la buona figliola von Niccolò Piccinni löste im ausgehenden 18. Jahrhundert eine regelrechte Mode aus. Überall wurde dieser Welthit gespielt, ein Mythos besagt gar, dass die Jesuiten ihn nach Peking brachten. Die Aufführungszahlen beweisen, dass La Cecchina dem Œuvre Mozarts im 18. Jahrhundert um nichts nachstand. Heiraten zwischen Standesunterschieden gehörte sich nicht, was der Gärtnerin Cecchina und dem Marchese della Conchiglia vorerst keine gemeinsame Zukunft in Aussicht stellte. Wunder geschehen: Das Findelkind entpuppt sich als Tochter eines deutschen Offiziers, was das Verlangen des damaligen Publikums nach dem lieto fine befriedigt. Ein guter Regiegedanke kann das vergessene Werk auch im 21. Jahrhundert wieder zum Leben erwecken.


In Anlehnung an die aktuelle, gelungene Produktion von Piccinnis Oper am Theater Biel Solothurn haben sich Studierende des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Bern und der Hochschule der Künste Bern, Abteilung visuelle Kommunikation sowie GymnasiastInnen des Seeland Gymnasiums Biel und VolkhochschülerInnen der Region Biel-Lyss mit der Thematik Wunder in der Oper, in der Literatur und im Alltag auseinandergesetzt. In einem generationsübergreifenden Kulturvermittlungsprojekt entwickelten die Wunderinteressierten eine audio-visuelle Ausstellung, die im Foyer des Stadttheaters Biel zu sehen ist: Seien es an Lebensgeschichten bekannter Wunderkinder angelehnte Ausstellungsobjekte, Hörstationen mit Interviews und Kurzgeschichten, ein Illusionstunnel, der von der Realität in die Oper führt oder die Möglichkeit nach Voranmeldung kostümiert im Publikum zu sitzen und Teil eines inszenierten Wunders zu werden. Die Wege zu La Cecchina sind verschieden, dies hat die Vernissage der Ausstellung am 10. April 2013 bewiesen.

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