Kulturgut Musik

Kulturgut Musik

Benedict Zemp –, 03.07.2013

Im Herbst findet in Bern die internationale ESEM Konferenz 2013 zum Thema «Cultural Mapping and Musical 
Diversity» statt. Dabei diskutieren Musikethnologen aus zahlreichen Ländern über 
lebendige Musiktraditionen und immaterielles Kulturgut – hierzu eine Programm­vorschau.


Das European Seminar in Ethnomusicology (ESEM) trifft sich vom 4. bis am 8. September 2013 für fünf Tage am Institut für Musikwissenschaft und am Center for Cultural Studies der Universität Bern. Die Haupttätigkeit dieses Netzwerks von über 250 Musikforschenden aus der ganzen Welt, gegründet 1981 in Belfast (Nordirland), besteht in einer alljährlichen Seminar-ähnlichen Konferenz während der Herbstsaison und der Publikation eines Bulletins sowie Tagungsbänden. Das diesjährige Treffen lädt internationale ExpertInnen in die Bundeshauptstadt ein und steht unter der Leitung von Prof. Dr. Britta Sweers und Dr. Sarah Ross, beides Musikethnologinnen der Universität Bern.


Diskurs immaterielles 
Kulturerbe


Im Jahr 2003 verabschiedete die UNESCO-Generalkonferenz ein Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes, wozu auch die weltweiten Musiktraditionen gehören. Bis zum heutigen Tag sind dieser Konvention mit dem Ziel, die Kulturvielfalt durch eine bewusste Erfassung zu schützen, über 120 Staaten der Welt beigetreten. 


Gibt es ein besseres Rezept zwecks Friedensförderung, Identitätsstiftung, Nachhaltigkeitsmanagement und Konfliktbewältigung? Die erfolgsversprechende Methode, prominent beschlagwortet mit dem Titel «Cultural Mapping» – eine kartographische Erfassung der, in diesem Fall, lebendigen Musiktraditionen – wirft jedoch in der Umsetzung einige Fragen auf: Können Handwerke, Fähigkeiten und Wissen des Musizierens – denn so erscheinen die wandelbaren Kulturphänomene auf den Listen – tatsächlich als statisch und unveränderbar betrachtet werden? Wie wird die Entwicklung einer Tradition oder die Durchmischung bzw. Adaption unterschiedlicher lebendiger Traditionen auf den UNESCO-Listen behandelt? War man sich des Selektionsprozesses auch wirklich bewusst? Wurde die Auswahl in den jeweiligen Ländern von Kulturschaffenden, Wissenschaftlern oder Politikern getroffen und was hatte dies für Konsequenzen? Inwiefern unterscheidet sich diese durch einen Selektionsprozess erschlossene kartographische Erfassung von der musikethnologischen Methode der Feldforschung?


Genau dieser Thematik widmen sich die Teilnehmenden des Symposiums. In über 50 Präsentationen referieren die WissenschaflterInnen und DoktorandInnen der Berner Tagung, nach individueller Feldforschung auf dem Gebiet unterschiedlichster lokaler Musiktraditionen, über die weltweiten Diskurse, Konflikte und Problematiken bei der Sicherung des Kulturguts. Konkrete Fallbeispiele sollen dabei die Methode der Selektion diskutieren und den Umgang mit Abgrenzung und Entwicklung von Musiktraditionen darstellen. Seien es die Unterdrückung iranischer Hip-Hop-Künstler, die Ignoranz der Beteiligung der Sikhs zur Musiktradition Indiens oder der Streit um die Herkunft des Flamencos zwischen Spanien und der autonomen Gemeinschaft Andalusien. Diskutiert werden zudem die Gong-Kultur in Vietnam als identitätsstiftendes Symbol und Touristenattraktion, die Kritik des lukrativen Geschäfts um das Brass Festival in Serbien, die Rolle des Raps als Identitätsstiftung im arabischen Frühling oder die Bevorzugung von klischeehaften Alphornklängen gegenüber der Neuen Schweizer Volksmusik. 


Es werden genau so urbane wie ländliche Musikszenen betrachtet, ebenso neuere Genres als auch jahrhundertealte musikalische Formen und ihre Durchmischung. Zu den einzelnen Themen, deren nur wenige erwähnt sind, erwarten die Zuhörerschaft zwanzigminütige Referate oder kommentierte Posters.


Volksmusik in der Schweiz


Die Schweiz ist dem UNESCO-Übereinkommen im Jahr 2008 beigetreten, worauf der Bund in Zusammenarbeit mit den Kantonen aus einer Liste von Vorschlägen eines Komitees auswählte und 2012 eine vorläufige Zusammenstellung der Traditionen publizierte. 


Betrachtet man die Liste der zur sichernden musikalischen Kulturgüter unseres Landes, so findet man das Alphorn- und Büchelspiel, die Blasmusik, Basler Trommeln und Volkstanz in der Zentralschweiz, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber auch hierzulande ist bisher nur ein kleinster Teil einer vielfältigen Musikkultur erfasst, wobei die Sammelbegriffe nichts über die Entwicklung und die regional unterschiedlichen Ausprägungen der Traditionen aussagen. Dies bietet Gelegenheit zu einer eingehenden musikethnologischen Betrachtung.


Auf der kommenden Tagung referieren Musikforschende über Neue Schweizer Volksmusik und Experimente mit einem Volksliedrepertoire als künstlerischer Prozess (Theresa Beyer), Jüdische Musikkultur im Aargau (Sarah Ross) und über den musikethnologischen Diskurs bei der Auflistung der immateriellen Kulturgüter der Schweiz (Marc-Antoine Camp et al.) sowie über die fehlende Berücksichtigung der Randgruppen der Schweizer Musikszene (Yann Laville).

VERANSTALTUNGEN / CONFÉRENCES

DIE SMG IM ÜBERBLICK

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cristina urchueguia (at) musik unibe ch

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Schweizerische Musikforschende Gesellschaft
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Berne: Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft
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Suisse romande: PD Dr. Ulrich Mosch, Université de Genève, Faculté des Lettres, Uni Bastions, rue De-Candolle 5, 1211 Genève 4
Svizzera italiana: Carlo Piccardi, 6914 Carona
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