Musik zum Drei­königs­fest – fast eine 
Uraufführung

Musik zum Drei­königs­fest – fast eine 
Uraufführung

Franziska Schnoor , 08.01.2014

In Willisau, St. Gallen und 
Romanshorn erklingt zum ersten Mal seit dem 16. Jahrhundert wieder die für das Kloster St. Gallen komponierte vierstimmige «Missa in Epiphania Domini» des italienischen Komponisten Manfred 
Barbarini Lupus (um 1562).


Der St. Galler Fürstabt Diethelm Blarer (Abt 1530–1564) versuchte in den letzten Jahren seines Abbatiats etwas Unerhörtes: Er wollte im musikalisch sehr konservativen Kloster St. Gallen mehrstimmigen liturgischen Gesang einführen. Zumindest an den hohen Festtagen des Kirchenjahrs sollte die Liturgie durch polyphone Musik bereichert werden. Zu diesem Zweck beauftragte Diethelm Blarer den aus Correggio stammenden Komponisten Manfred Barbarini Lupus, Gesänge der Messe und des Stundengebets vierstimmig zu vertonen. 


Ruhender cantus firmus und lebhafte Verzierung


Grundlage für die Kompositionen waren die Melodien des gregorianischen Chorals: Im Tenor erklingt als cantus firmus die Choralmelodie in langen, gleichmässigen Notenwerten. Die übrigen drei Stimmen umspielen den Tenor in lebhafterer Bewegung. Auch im Notenbild wird diese Kombination von Alt und Neu, Tradition und Innovation, Ruhe und Bewegung augenfällig: Der Tenor ist in Hufnagelnotation aufgeschrieben – der damals in St. Gallen üblichen Choralnotation –, Sopran, Alt und Bass hingegen in der moderneren weissen Mensuralnotation.


Weltweit einzige Überlieferung in St. Gallen


Die Kompositionen von Barbarini Lupus sind allein in zwei grossformatigen Prachthandschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen überliefert. Besonders der Band mit den Messgesängen fasziniert mit seinem reichen Buchschmuck von der Hand des Lindauer Malers Caspar Härtli. Fünf ganzseitige Miniaturen zieren den Codex, dazu jeweils auf der ersten Doppelseite ­eines Festtags fantasievolle Bordüren, die von Vögeln, musizierenden Putten und Menschen belebt werden. 


Eine Fundgrube für die 
Instrumentenforschung


Vor allem die Darstellungen von Musikinstrumenten sind für die Instrumentenforschung von grossem Interesse. Härtli dokumentiert systematisch das Instrumentarium des 16. Jahrhunderts: Wo immer es sich anbietet, bildet er Instrumentenfamilien mit je vier verwandten Instrumenten in unterschiedlicher Stimmlage ab, so etwa ein Traversflötenquartett oder ein Gambenconsort. Einige der Instrumente sind heute nur noch im Rahmen historischer Aufführungspraxis gebräuchlich, z. B. Drehleier, Trum­scheit, Platerspiel, Zink und Pommer.


Mehrstimmigkeit – eine kurze Episode im Kloster St. Gallen


Dem vierstimmigen Gesang war aber auf Dauer kein Erfolg beschieden. Nicht einmal zwei Reden zur Verteidigung der Mehrstimmigkeit, die der St. Galler Mönch Mauritius Enck im Auftrag seines Abtes Diethelm Blarer schrieb, konnten die Polyphonie retten. Dabei versuchte Mauritius Enck, die Kompositionen von Manfred Barbarini Lupus als Idealform liturgischer Musik darzustellen: In den Stücken vereinten sich die schlichte Majestät des Chorals und der kunstvolle Reichtum der Figuralmusik zu einem perfekten Ganzen. Man kann annehmen, dass die ungewohnten vierstimmigen Kompositionen für die Mönchsgemeinschaft zu anspruchsvoll waren. Auf jeden Fall gerieten die Kompositionen von Barbarini Lupus nach dem Tod Diethelm Blarers (1564) in Vergessenheit, und so blieb es bei einer kurzen Episode des mehrstimmigen Gesangs in St. Gallen. 


Die «Missa in Epiphania 
Domini» – eine Uraufführung?


Die Messe zum Epiphanias-Fest dürfte seit 1564 nicht mehr aufgeführt worden sein – wenn sie überhaupt jemals von St. Galler Mönchen musiziert wurde. Insofern ist es vielleicht sogar eine Uraufführung, wenn das von Christian Braun neu gegründete Ensemble «Codex 542» nun in den Tagen nach Dreikönig des Jahres 2014 – 450 Jahre nach dem Tod des kunstsinnigen Abtes Diethelm Blarer – die Messe in Willisau, St. Gallen und Romanshorn zur Aufführung bringt. Die fünf Musiker, Spezialisten auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis, musizieren direkt aus dem Chorbuch heraus – wenn auch nicht aus dem nahezu 20 kg schweren Original. Kombiniert wird die Messe mit einstimmiger Gregorianik sowie mit zwei- und dreistimmigen Weihnachtsliedern aus der Handschrift des St. Galler Wandermönchs Gall Kemli (1417 – um 1481). Es ist eine einmalige Gelegenheit, diese ungewöhnlichen Stücke zu hören.

Aufführungsdaten 


09.01.2014, 19.30 Uhr


Heilig-Blut-Kirche / Musikinstrumentensammlung Willisau


11.01.2014, 19.30 Uhr


St. Gallen, Schutzengelkapelle 


12.01.2014, 17.30 Uhr


Klangreich, Alte Kirche Romanshorn

VERANSTALTUNGEN / CONFÉRENCES

DIE SMG IM ÜBERBLICK

ZENTRALPRÄSIDIUM / PRÉSIDENCE CENTRALE
Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 83 96
cristina urchueguia (at) musik unibe ch

SEKTIONEN / SÉCTIONS
Basel: PD Dr. Martin Kirnbauer
Schweizerische Musikforschende Gesellschaft
Ortsgruppe Basel, 4000 Basel
Berne: Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
Luzern: Prof. Dr. Felix Diergarten
Obfalken 60, 6030 Ebikon
St. Gallen/Zürich: Dr. Michael Meyer, Musikwissenschaftliches Institut,
Florhofgasse 11, 8001 Zürich
Suisse romande: PD Dr. Ulrich Mosch, Université de Genève, Faculté des Lettres, Uni Bastions, rue De-Candolle 5, 1211 Genève 4
Svizzera italiana: Carlo Piccardi, 6914 Carona
Zürich: Prof. Dr. Dominik Sackmann 
Zürcher Hochschule der Künste
Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

 

 

GESCHÄFTSSTELLE /SÉCRETARIAT
Benedict Zemp, MA
Institut für Musikwissenschaft
Mittelstrasse 43, 3012 Bern
+41 (0)31 631 50 34, info (at) smg-ssm ch

INTERNET
www.smg-ssm.ch