CPE Bach im 
Gespräch

CPE Bach im 
Gespräch

02.04.2014

Meret Lüthi, Mitglied der SMG, ist Geigerin und künstlerische Leiterin des 
Ensembles Les Passions de l’Ame. Anlässlich des 300. 
Geburtsjahres von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) führt sie zusammen mit ihrem Orchester für Alte Musik in verschiedenen Konzerten Bachs sinfonische und 
kammermusikalische Werke auf.


Benedict Zemp — Sehr eindrücklich ist die 1749 komponierte Triosonate in c-Moll, ein Werk für zwei Violinen und Basso continuo. Die Spezialistin für Alte Musik spricht über Meinungsverschiedenheiten und abrupte Stimmungsumschwünge in einem musikalischen Streitgespräch. 


Meret Lüthi, warum trägt dieses Werk den etwas merkwürdigen Übertitel Gespräch zwischen einem Sanguineus und Melancholicus?


Die Überschrift ergibt sich aus dem Vorbericht, in welchem erklärt wird, dass sich in dieser Triosonate die beiden Protagonisten rhetorisch herausfordern, provozieren, ignorieren und versöhnen. Der Melancholicus als Stellvertreter des kunstsinnigen, tiefgründigen Geschlechts versucht sich stur auf seine verdunkelte, wehmütige Weise zu artikulieren. Der Sanguineus, ein enthusiastischer Jungbrunnen lässt aber nicht locker: ob insistierend oder gar anbiedernd, keine Mittel sind ihm zu schade, den Melancholicus von seinem heiteren Temperament zu überzeugen.


Das heisst, Bach schrieb für seine Triosonate eine Gebrauchsanleitung?


Wir haben es mit einem klingenden Drehbuch zu tun: Die Inszenierung der Triosonate wird uns mit CPE’s Vorwort und Fussnoten exakt erklärt; wir wissen genau wo sich die beiden Oberstimmen wie streiten sollen oder wo beispielsweise eine Pause eine Erwartung für eine ganz bestimmte Antwort erzeugt. 


Handelt es sich hier um Programmmusik, welche in der Frühklassik ja eher selten war?


Jein, eher um ein Stück rhetorischen Anschauungsunterricht. Der Gegenstand des Streits ist theoretischer Natur. Die zwei Temperamente können sich während zweier Sätze nicht einigen. Jeder lebt dem Anderen seinen Charakter vor, durch sein pures (bis zuweilen stures) Sein respektive die jeweilige Reaktionsart. Während im ersten Satz die sanguinische Stimme die melancholische ab und zu aus der Reserve locken kann, so dass der Melancholicus sogar über mehrere Takte hinweg die Wesensart des Sanguineus imitiert, lässt sich der Melancholicus im zweiten Satz nicht mehr von seinem tiefsinnigen Vortrag abbringen – unabhängig all der spielerischen Einwürfe des Sanguineus.


Wie kommt nun die Einigung der beiden Gesprächspartner musikalisch zur Geltung?


Am Ende des Adagios, dem zweiten Satz, ist es der Melancholicus der von seiner grüblerischen Geisteshaltung in die tändelnde Sprache seines Widersachers übergeht. Der Sanguineus – erfreut vom Meinungswechsel seines Kontrahenten – imitiert flink die auftaktige Triolenfigur, und tatsächlich, ersterer antwortet in der für ihn neu entdeckten Rhetorik und so kann schliesslich in geeinter Freundschaft der Mittelsatz beschlossen werden. 


Im dritten Satz, einem stürmischen Allegro, gibt es eine gemeinsame Sprache. Innerhalb des Hauptthemas kommen sowohl sanguinische als auch melancholische Einflüsse zur Geltung. Es gibt also nicht einen Sieger der Debatte, sondern der wache, dialogreiche Konsens ist das Ziel des ausgefochtenen Streits.


Was ist das Spannende an dieser Musik?


Die kalkulierte Unberechenbarkeit, mit der sich die beiden Titelhelden dem Dialog liefern, ist von grossartigem, zeitlosem Humor. Diese Musik, von aufklärerischem Geist durchdrungen, hat so direkt etwas mit der Spezies Mensch und all unseren kleinen und grossen Fehlern, unseren Eigenheiten zu tun. 


Wo liegt die Herausforderung für das Ensemble bei der Interpretation dieses Werks?


Das Herausarbeiten der beiden so unterschiedlichen Temperamente stellt eine spannende Herausforderung dar. Wenn zwei verschiedene GeigerInnen auf klanglich unterschiedlichen Instrumenten dieses Werk spielen, gibt es bereits zwei naturgegebene Charaktertypen.


CPE komponiert dieses Werk nicht mit grosser Rücksicht auf geigenfreundliche Spielbarkeit, denn es steht die Botschaft im Vordergrund. Das heisst, sperrige Passagen müssen mit raffinierter Bogenbehandlung singbar gemacht werden. Viele Lagenwechsel sind gefordert, um Verzierungen oder Melodien klanglich nicht fallen zu lassen. Ausserdem bedeutet die Grundtonart c-Moll, dass die Saitenresonanzen der leeren Saiten nicht allzu häufig zum Einsatz kommen, man muss sich sehr um Klanglichkeit bemühen.


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