Orgeln
in der Zwinglistadt

Orgeln
in der Zwinglistadt

Michael Meyer , 07.05.2014

Am 21. Juni 2014 findet wieder der mittlerweile zur Tradition gewordene Zürcher ­Orgel­spaziergang statt. Eine 
Gelegenheit, an die besondere Geschichte des Orgelbaus in Zürich zu erinnern. 


Dass in einer jeden Zürcher Kirche – sei sie nun evangelisch-reformiert oder römisch-katholisch – eine Orgel zu finden ist, erscheint heute, trotz der allmählichen Verdrängung historisch gewachsener Kirchenmusikpflege durch Sakro-Pop, Gospel, Keyboards und Panflöten, selbstverständlich zu sein. Dies war aber, gerade im Falle Zürichs und anderer reformierter Städte der Schweiz, nicht immer so. Nicht nur heute, sondern auch schon während der Reformation vor fast 500 Jahren prallten in Sachen Kirchenmusik konträre Meinungen aufeinander. War der Wittenberger Reformator Martin Luther ihr gegenüber mehr als aufgeschlossen eingestellt, empfand sie der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli als Störung der Verkündigung des Wort Gottes und beschränkte Gesang und Instrumente auf den Profanbereich. 


So wurden in den Jahren 1519–26 die Orgeln in Zürichs Kirchen zum Schweigen verurteilt und abgebrochen. Auch Zwinglis Nachfolger nahmen das Verbot ernst. Während das kirchliche Orgelspiel in Basel 1561, in Bern 1726 wieder erlaubt worden war, durfte in Zürich bis in die ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts nicht georgelt werden. Wie aber kam es, dass heute in jeder Zürcher Kirche wieder eine Königin der Instrumente anzutreffen ist? Im Wesentlichen hängt die Rehabilitierung der Orgel mit der seit dem 18. Jahrhundert zunehmenden und mit der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu voller Blüte gelangten Institutionalisierung der Musik- und Konzertkultur zusammen. Schon lange vor der Wiedereinführung des Orgelspiels hatte man begonnen, in Kirchen Konzerte zu geben, und in den Musikvereinen und Kirchgemeinden, die diese Konzerte veranstalteten, wurde der Ruf nach der Orgel über die Jahre immer lauter: Man sah in ihr zunehmend eine Möglichkeit, nicht nur Chormusikaufführungen, sondern auch den Gemeindegesang zu unterstützen und dem Gottesdienst wieder mehr Feierlichkeit angedeihen zu lassen. 


Die Bestrebungen, die Orgel und das liturgische Orgelspiel in Zürichs reformierten Kirchen wiedereinzuführen, kamen also «von unten». Die Vorhut bildete die Kirchgemeinde Winterthur: Sie erwarb sich von der badischen Abtei Salem eine gebrauchte Riepp-Orgel und setzte diese – vom Zürcher Kirchenrat nur sehr ungern geduldet – zum ersten Mal im November 1809 ein. Nachdem der Bann durch den Einbau einer Haas-Orgel in die Neumünsterkirche 1840 auch in Zürich gebrochen worden war, statteten sich die Zürcher Stadtkirchgemeinden sukzessive mit Orgeln aus. Vergleichsweise spät dran war ausgerechnet die Grossmünstergemeinde, die erst 1876 nach langem Sparen ein Instrument aus dem Hause Kuhn einweihen konnte. Die Grossmünster- hatte die Fraumünstergemeinde lange Jahre um ihre 1853 erbaute Walcker-Orgel beneidet; das Geld hatte vorerst nur für ein – mitunter auch als Abendmahlstisch verwendetes – Harmonium gereicht. Besonders geprägt hat die Zürcher Orgellandschaft in dieser Zeit die heuer auf ihr 150-jähriges Bestehen zurückblickende Männedorfer Firma Kuhn, zumal sie seit ihrer Gründung in fast allen Zürcher Kirchen bauen durfte, auch in den zahlreichen im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung neu errichteten und in den seit den 1840er-Jahren geduldeten konfessionell anders orientierten.


Seither erwuchs in Zürich eine vielgestaltige Orgellandschaft, die auf den Zürcher Orgelspaziergängen sukzessive erkundet werden soll. Zwei der dieses Jahr auf dem Programm stehenden Instrumente stammen aus der frühen Zeit des kirchlichen Orgelspiels seit der Reformation. Es handelt sich um die ursprünglich von der Luzerner Orgelbaufirma Goll 1894 errichtete Orgel der Bühlkirche in Zürich-Wiedikon und um das 1901 von der Firma Kuhn für die St. Jakobskirche in Zürich-Aussersihl gelieferte Instrument. Ersteres ist dem deutsch-romantischen, letzteres dem sinfonisch-orchestralen Stilideal verpflichtet. Beide repräsentieren somit Klangwelten, wie sie in Zürich um 1900 zu erleben waren. 


Andere Klänge wiederum werden im Fraumünster und in St. Peter und Paul zu hören sein. Die dortigen Instrumente sind der sogenannten Elsässer Orgelreform verpflichtet, einem Stilideal, das um 1930 den Weg in die Schweiz fand, vor allem propagiert durch Albert Schweitzer, der sich auch als Organologe hervortat. Sie wurden von der Firma Orgelbau Genf 1953 bzw. von der Rapperswiler Firma Späth 1984 errichtet, also von Firmen, die Kuhn seit den 1930er-Jahren zunehmend ihre Zürcher Monopolstellung streitig machten. Auf beiden sind gemäss den Ideen Schweitzers die Werke der alten Meister und der Romantik gleichermassen darstellbar. Mit der Chororgel in St. Peter und Paul wird zudem ein 2001 geweihtes Instrument der österreichischen Firma Rieger erklingen, das gänzlich der französischen Romantik verschrieben ist und in der Zürcher Orgellandschaft als dem Geist der Postmoderne verpflichtete «Stil-Orgel» einen Akzent bedeutet.

Zürcher Orgelspaziergang 


21. Juni 2014 


Moderation: Michael Meyer 


13.30 Uhr: Beginn des 


Rundgangs 


Bühlkirche Wiedikon – 


Els Biesemans


14.30 Uhr: St. Peter und Paul – Felix Gubser 


15.30 Uhr: St. Jakob – 


Sacha Rüegg


16.30 Uhr: Fraumünster – 


Jörg Ulrich Busch 


In Zusammenarbeit mit den ref. und kath. Kirchgemeinden der Stadt Zürich sowie ­Andreas Jost und Sacha Rüegg

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