Vom Studium auf die Kulturredaktion


Vom Studium auf die Kulturredaktion


Benedict Zemp , 25.03.2015

Wie denken Journalisten über die aktuelle Forschung und was will der Kulturinteressierte von heute lesen: Zwei 
Musikjournalisten sprechen über die Schnelligkeit des 
Online-Journalismus und die Genauigkeit der Wissenschaft.


Oftmals arbeiten Musikwissenschaftler, Literaturwissenschaftler oder Germanisten nach dem Studium für eine Zeitung oder einen Radiosender. Die beiden Redaktoren und Musikrezensenten Anna Kardos und Tom Hellat geben Antwort zum Verhältnis zwischen Journalismus und Forschung.


Anna Kardos und Tom Hellat, von welchen Kenntnissen und Fähigkeiten, die Sie sich während Ihres Studiums angeeignet haben, profitieren Sie heute am meisten?


Kardos: Was mir geholfen hat, ist die Genauigkeit, die an der Uni das A und O ist. Nicht, dass man diese auf einer Redaktion eins zu eins praktizieren könnte. Drei Wochen lang einer These folgen und sämtliche, in einer Sinfonie vorkommenden Tonarten klassifizieren? Unmöglich. Aber man hat eine Ahnung von der Exaktheit, die möglich wäre - und kann dann – gelinde gesagt – die Grautöne besser abschattieren.


Hellat: Ein paar Kenntnisse muss man sich im Studium einfach aneignen. Ein bisschen Wissen muss man fressen. Weshalb hat Beethoven nur eine Oper komponiert? Wo befindet sich der doppelte Boden in Schostakowitschs Sinfonien? Wie unterscheidet sich Bachs Matthäuspassion von seiner Johannespassion? Darüber hinaus muss ein Student ein Gespür dafür bekommen, wie verschlungen und komplex Musik und ihre Interpretation sein kann. Die grossen Meister der Musikrezeption muss er gelesen haben, um zu wissen, wo die Messlatte liegt. 


Welche Elemente des wissenschaftlichen Studiums waren für Sie völlig überflüssig und was vermissten Sie in der Retrospektive?


Kardos: Was dem Studium oft völlig abgeht, ist die praktische Erfahrung. Wo man im Berufsleben auch hinkommt, muss man Erfahrung vorweisen. Und so viele meiner Studienkollegen mit grossartigen Abschlüssen legen nun in Anwaltskanzleien Akten ab, gehen drögen Bürojobs nach oder sind gar arbeitslos. Das finde ich den schlimmsten Mangel an den Unis: dass sie Erfahrungen sammeln völlig abwerten zugunsten fristgerecht eingereichter Seminararbeiten. 


Hellat: Ich kam mir beim Studium manchmal wie ein Hundezüchter vor, der sich nur mit den fleckig gescheckten Riesenpekinesen auseinandersetzt, die zwischen dem 300 und 301 Breitengrad in Südafghanistan vorkommen. Ein grösserer Überblick über die verschiedenen Hundesorten fehlte mir. 


Wie werden neue Erkenntnisse aus der Musikforschung in Zeitungen und am Radio vermittelt? 


Kardos: Ganz ehrlich? Ich glaube gar nicht. Ausser es seien Erkenntnisse, die auch Nicht-Wissenschaftler direkt betreffen – oder dann solche mit einigem Unterhaltungseffekt: In unserer Tageszeitung Die Nordwestschweiz war neulich zu lesen, US-Forscher hätten herausgefunden, dass Beethoven seine Herzrhythmusstörungen direkt in seine Werke hineinkomponiert habe. 


Es wurden sogar Werkangaben zu seinen verschiedenen Symptomen angeführt. 


Sind Journalisten auch Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse einfach in Form von kürzeren Texten vermitteln?


Hellat: Nein. Kennen Sie folgenden Witz? Wenn man einen Wissenschaftler nach dem Weg zur Toilette fragt, wird man sich in die Hosen gemacht haben, noch bevor er die Bedeutung des Klos bei den alten Ägyptern erklärt hat. 


Der Journalist muss kundenorientierter schreiben. Eine der schwierigsten Herausforderungen im Journalismus für mich war, mein Phil-I-Studium und dessen Wissenschafts-Chargon wieder zu vergessen. Sätze, die unnötig lang und komplex sind, unterlaufen einem andauernd. Es sind Sätze, die leicht schreibbar, aber schwer lesbar sind – ein Kapitalverbrechen im Journalismus. 


Haben Journalisten/Redaktoren in ihrer täglichen Arbeit Zeit für fundierte Recherchen?

Hellat: Meist bleibt wenig Zeit, um sich in ein Thema einzulesen. Sich eine Woche mit Verdis Requiem zu befassen, liegt nicht drin. Umso wichtiger ist es, dass man ein fundiertes Wissen in sich trägt, auf das man bauen kann. 


Noch wichtiger ist aber, dass man eine eigene Sichtweise entwickelt und sich auch mal traut, eine Meinung rauszuhauen. 


Dem Kulturjournalismus wird nachgesagt, er sei elitar und würde deshalb im Schatten anderer Nachrichtensparten stehen: stimmt das?

Kardos: Das hat wohl mit der Relevanz zu tun: Das Wetter geht alle an. Also ist «Tiefdruckgebiet» als Ausdruck akzeptiert, während «Kopfsatz» als zu hoch gegriffen bewertet wird. Es gibt eine ganz einfache – wenn auch nicht ganz ernst gemeinte – Lösung: Die gesamte Schweiz müsste sich ein Jahr lang statt übers Wetter über klassische Musik unterhalten – schon wäre das Problem aus der Welt.

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