Der Dirigent ist tot

Der Dirigent ist tot

13.02.2017

Das Orchester als Metapher, als Spiegel der Gesellschaft,– das sind Definitionen, die die Musik mit sozialen Anliegen verbinden. Die vom Orchestra Arte Frizzante getroffene Entscheidung, ohne einen Dirigenten zu spielen, dient diesem Artikel als Ausgangspunkt für einige Überlegungen zum Thema.

Valeria Lucentini — Das Orchester ist eine wesentliche Metapher unserer Gesellschaft. Viele Forscher wie beispielsweise Max Weber, Lewis Mumford, Franco Fabbri und Marcello Sorce Keller haben sich Fragen zum Verhältnis zwischen Orchester und Gesellschaft gestellt. Adorno schrieb (Einleitung in die Musiksoziologie, 1962), dass der Dirigent und das Orchester «in sich etwas wie einen Mikrokosmos bilden, in dem Spannungen der Gesellschaft wiederkehren und sie lassen sich konkret studieren, vergleichbar etwa der community, der Stadtgemeinde […], der Extrapolationen auf die Gesellschaft erlaubt». Aus neueren Fallbeispielen wie dem Orpheus Chamber Orchestra oder dem West-Eastern Divan Orchestra folgt die Verwendung einer Rhetorik, die abendländische Kunstmusik und Orchester mit sozialen Fragen verbindet. Ungeachtet ihrer augenfälligen Unterschiede schlagen beide Projekte ein ideales Modell für die Gründung einer besseren Gesellschaft vor.

In diesem Artikel ist die Rede von der Legitimität und der wissenschaftlichen Begründung des Orchesters als Metapher bzw. Spiegel der Gesellschaft, und von der Frage, ob der soziopolitische Kontext eine Rolle bei den Entscheidungen dieser Orchester spielt. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung mancher Orchester, ohne Leitung zu spielen. Wie soll man dies interpretieren? Die diesen Entscheidungen zugrundeliegenden künstlerischen Gründe sind so verschieden wie die Orchester selbst. Die erste Idee eines Orchesters ohne Leitung wurde 1922 in Moskau geboren, mit dem Persimfams Orchester in der post-revolutionären Zeit (nach einem kurzlebigen Versuch in Warschau 1913). Diese Aktion war tatsächlich das Resultat eines besonderen historisch-politischen Moments, eines Mikrokosmos der sozialistischen Utopie. Als Experiment zielte ein Orchester ohne Dirigenten auf die Abschaffung eines absolutistischen Herrschaftssymbols und die Anwendung kollektivistischer Ideen in der Musik. Wenn wir berücksichtigen, dass die sozialen Kontexte dieser verschiedenen Orchester ganz anders sind, was verbindet diese Orchester miteinander?

Das Ziel des vorliegenden Artikels besteht darin, die Frage an sich zu stellen und die musikwissenschaftliche Forschung aufzufordern, sich mit ihr zu befassen. Ein möglicher Weg bezieht sich auf die Analyse der Sprache und der Rhetorik hinter den ausgedrückten Absichtserklärungen. Nehmen wir hier als Beispiel das junge Orchestra Arte Frizzante – es sind zwanzig Musiker mit Sitz in Bern und Basel - das ohne Dirigenten spielt. Der Frage «Was ist Arte Frizzante» folgt zunächst die Antwort: «Das Orchester ist ein Kollektiv […], das basisdemokratisch arbeitet». Die in dieser Antwort verwendeten Termini legitimieren die soziopolitische Analyse des Kontextes, in dem das Orchester entsteht oder sich setzt. Arte Frizzante ist nicht mit der Absicht entstanden, die sozialistische Idee von Persimfans wiederaufzunehmen; nichtsdestoweniger sind die Worte «Kollektiv» und «basisdemokratisch» eng mit dem demokratischen Sozialismus verbunden.

Ein weiterer zu betrachtender Aspekt mag die Analyse und der Vergleich ähnlicher Entscheidungen in verschiedenen Kontexten sein. Eine gemeinsame Dynamik ist die Kollegialität interpretativer und ästhetischer Entscheidungen. Während diese Entscheidung für Persimfans eine offene Verurteilung der autoritären Figur des Dirigenten-Tyrannen und den Versuch darstellte, die egalitären sozialistischen Prinzipien in die Praxis umzusetzen, stellen die drei hier betrachteten Orchester diese Figur scheinbar nicht in Frage, da sie vereinzelt mit Dirigenten oder musikalischen Leitern zusammenarbeiten. Diese Begründung gewinnt eine politische und soziale Bedeutung nur indirekt und nur anhand von Metaphern. Hat der Dirigent bzw. die Dirigentin heute überhaupt eine sowohl musikalische als auch soziale Existenzberechtigung?

Es scheint aus einer rein musikalischen Perspektive durchaus möglich, dass ein Orchester ohne Leitung spielt. Als soziales Ereignis entspricht die Anwesenheit des Dirigenten bestimmten Publikumserwartungen, wonach er die Schwierigkeiten des Musikstückes sowie die Spannungen innerhalb des Orchesters überwinden und lösen könnte. Nach M. S. Keller schliesst eine «individuell markierte Performance», die einen bestimmten Dirigenten hervorhebt, eine historisch konnotierte ästhetische Entscheidung ein, die auch von hierarchischen Beziehungen innerhalb der Orchesterstruktur abhängt. Damit wurde das symphonische Repertoire selbst geboren. Ist es vielleicht der Publikumsgeschmack, an dem sich die Orchester von Neuem orientieren wollen, indem sie sich enthierarchisieren? Bedeuten diese Entscheidungen keine soziale Herausforderung? Eine Untersuchung des Orchesters als metaphorische Umschreibung der Gesellschaft könnte daher dem Verständnis und der Aufklärung der Gesellschaft dienen; und umgekehrt können wir durch soziologische Betrachtungen die vielfältigen Entscheidungen der heute aktiven Orchester besser verstehen.

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