Inga Mai Groote  im Interview

Inga Mai Groote im Interview

14.03.2018

Inga Mai Groote, bisher Inhaberin des Lehrstuhls für Musikwissenschaft an der Universität Heidelberg, wurde per 1. Februar vom Universi­tätsrat zur ordentlichen Professorin der Universität Zürich ernannt.

Benedict Zemp — Im folgenden Interview spricht sie über ihre Forschungsfelder, über die Quellenarbeit im digitalen Zeitalter sowie über Berufsperspektiven der Musikwissenschaft.

Inga Mai Groote, welche Themenbereiche der Musikwissenschaft werden Sie an der Universität Zürich lehren?

Entscheidend ist, dass wir Dozierenden gemeinsam ein vielfältiges Lehrprogramm bieten. Ich bringe dabei gerne Themen zur Musik des 16./17. Jh., zur französischen Musik und zum frühen 20. Jahrhundert ein, und mir ist wichtig, dass sich die Studierenden im Rahmen der Seminare eine gute Methodik aneignen. Zudem möchte ich Formate weiterentwickeln, wie wir unser Fachwissen anwenden und vermitteln, und dazu mit Kulturinstitutionen kooperieren – also z.B. für Ausstellungen oder begleitend zu Konzertprojekten.

Mit welchen wissenschaftlichen Themen beschäftigen Sie sich zurzeit?

Ich gehöre zum von der europäischen Förderinitiative HERA unterstützen Projekt «Sound Memories», in dem wir uns mit sehr frühen Formen musikalischen Geschichtsbewusstseins beschäftigen, gewissermassen von Notre Dame bis zu konservativen Protestanten um 1600. Daneben interessiert mich die Frage einer Wissensgeschichte der Musik, konkret mit einem Projekt zur Materialität musiktheoretischer Überlieferung, also: wie funktionierte das Unterrichten von Musik um 1500? Die Musikkultur Frankreichs um 1900 und ihr intellektueller Kontext bleiben auch Thema.

Wo sehen Sie die Herausforderungen der musikwissenschaftlichen Forschung im digitalen Zeitalter?

Wir profitieren enorm von der einfacheren Recherche und Zugänglichkeit von Quellen, Literatur oder Aufnahmen und können Information besser vernetzen. Aber das darf uns nicht verleiten, musikalische «Offline-Materialien» zu vernachlässigen, sonst gerät man leicht in eine digitale Filterblase. Wir müssen zudem bei grösseren Projekten oder Editionen auf gute Zusammenarbeit unter Kollegen und Institutionen setzen, für gemeinsame Standards und dauerhaft verfügbare Ergebnisse.

Was hat Sie dazu bewogen, nach Ihrer Zeit in Heidelberg, wieder zurück in die Schweiz zu kommen?

Die hervorragenden Arbeitsbedingungen in Zürich, mit einem sich thematisch sehr gut ergänzenden Team und einer bestens ausgestattete Biblio- und Mediathek. Das Institut habe ich als sehr lebendig und für Forschungsprojekte offen erlebt. Und schon Wagner hat gewusst, das Zürich ein gutes Pflaster für Musik ist – Spass beiseite: Zürich ist mit seinen Institutionen eine Musikstadt von Rang. Ausserdem natürlich die Vielfalt in der Schweiz: Ich habe ja auch ein Jahr an der Universität Fribourg gelehrt und finde die unterschiedlichen Sprachkulturen reizvoll – und da bleibt bessere Vernetzung für eine Musikwissenschaft im internationalen Kontext eine Aufgabe.

Welche Tipps oder Ratschläge geben Sie den Nachwuchswissenschaftlern?

In Kürzestversion: Bleiben Sie neugierig und mobil, halten Sie die Ohren offen und brennen Sie für Ihre Themen.

Welche Berufsperspektiven sehen Sie nach einem musikwissenschaftlichen Studium?

Sie können überall dort arbeiten, wo Musik erschlossen und aufgearbeitet wird und wo Sie Menschen für Musik begeistern können, etwa bei Verlagen, Bibliotheken oder Forschungsprojekten oder in Dramaturgie, Kulturmanagement, Journalismus. Da die Felder vielfältig sind, rate ich jeder und jedem, früh über Praktika kennenzulernen, was individuell passt.

Welche Rolle spielen Verbände wie die GfM oder die SMG für die Musikwissenschaft?

Sie sollten den Austausch im Fach fördern, aber auch gemeinsame Interessen der Disziplin nach aussen, in öffentlichen Debatten oder gegenüber der Wissenschaftspolitik, vertreten können.

Was ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung in Bezug auf die Schweizerische Musikhistoriographie?

Wie bringt man die Vielfalt in ein Bild? Ich habe z.B. 2014 das Symposium «Descriptio Helvetiae» für das Forum Alte Musik Zürich organisiert, als eine Kombination von Fallstudien – kooperativ kann man die vorhandene Expertise bündeln. Gleichzeitig sind auch Verbindungen nach aussen wichtig: Der musikalische Austausch mit den Nachbarländern ist immer stark gewesen, Mäzene wie Sacher oder Reinhardt haben international gefördert – es braucht eine Balance zwischen Darstellung der Schweizer Musikgeschichte und ihrer Kontextualisierung.

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